Autor: Stephanie Jaeckel

Wer die Welt erkennen will, sollte genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingeschaut. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit. Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Ein Lob des Schlafs

singt die kanadische Schriftstellerin Anne Carson in ihrem Essay „Jeder Abschied eine Ankunft“, der übersetzt 2006 in der „Neuen Rundschau“ erschien. Eine faszinierende Recherche, in der sie dem Schlaf in der Literatur nachgeht, und auch hier die Aufteilung in jene findet, die sich in einen gesunden Schlaf – wie sie schreibt – „retten“ können und […]

Der Traum der Könige

Es waren ausdrücklich Ausländer, die in dem neugeborenen Jesuskind den Sohn Gottes erkannten, Weise aus dem Orient, die seinen Stern hatten aufgehen sehen, wie es im Matthäus-Evangelium (und ausschließlich da) berichtet wird. Sie machten sich auf den Weg, folgten dem Stern, sahen das Kind, fielen vor ihm nieder und huldigten ihm (von sehr großer Freude […]

„Ich gehe täglich in die Landschaft,…“

„… die Motive sind schön, und ich verbringe auf diese Art meine Tage viel angenehmer als anderswo.“ So schreibt Paul Cézanne einen Monat vor seinem Tod an seinen Sohn, der wie er selbst Paul Cézanne heißt. Seine Tage sind gezählt, er fühlt sich verstört, von seinem Gehirn mehr und mehr im Stich gelassen, er lebt, wie […]

Aus dem Wasser betrachtet,

um noch einmal die Fisch-Perspektive einzunehmen, könnte man uns Landwirbeltiere vielleicht etwas abfällig als stark abgeleitete primitive Fische bezeichnen, die aus dem schönen wässrigen Medium an das ekle trockene Land vertrieben worden sind – und hätte damit eine ganz neue Deutung der biblischen Paradies-Geschichte.

Ich verliere Zeit,

wenn ich renne. Diesen Widerspruch habe ich lange nicht verstanden. Und ich bin auch noch lange nicht soweit, mit dem Rennen aufzuhören. Es ist einfach zu verlockend. Nur einen Atemzug stehen zu bleiben, ist manchmal schon der Ausweg. Wie in Alpträumen, in denen der Verfolger näher kommt, je schneller man rennt. Und der plötzlich an einem […]

Klein und Groß

Autoren, die für Kinder schreiben, werden oft nur als „halbe“ Autoren wahrgenommen: schließlich schreiben sie bloß für die Kleinen. Andreas Steinhöfel wies kürzlich in einem Interview darauf hin, dass der deutsche Sprachgebrauch für Kindergeschichten den Begriff „Kinderbuch“, nicht jedoch (oder nur für „Klassiker“) den der „Kinderliteratur“ bereit halte. Der „Kinderlyriker“ – wie er in Wikipedia […]

Der Andere: Ein Rätsel, das uns wach hält

Bei seiner heutigen ersten Vorlesung zum Thema „Zeit des Anderen“ hat Prof. Byung-Chul Han zunächst mit dem Mikrofon gekämpft und mit einer hustenbrüchigen Stimme. Er sei, so konnte man zwischen Tonverzerrungen, Rückkopplungen, Räuspern und ausfallender Technik hören, am Wochenende bei einer Aufführung von „Tristan und Isolde“ gewesen. Erst schien er auf den Narzissmus unserer heutigen […]

Bachs Töchter

Es gab sie, keine Frage. Von den 20 Kindern Johann Sebastian Bachs waren neun weiblichen Geschlechts. Vier davon überlebten die Kindheit. Doch ist von ihnen kaum mehr bekannt als das jeweilige Geburts- und Sterbedatum. Ihre Namen waren Regina, Friederica, Johanna, Catharina, Juliana, Dorothea, Sophia, Maria, Elisabeth in je unterschiedlichen Kombinationen. Stets bekamen sie zwei Vornamen, […]

Glaubst du an den Teufel?

oder zumindest an das Böse? – wäre so eine Frage, die Christen unmissverständlich mit Ja zu beantworten hätten, wie Kurt Flasch gestern in einer Diskussionsrunde an der Katholischen Akademie in Berlin zu bedenken gab: Keine halben Sachen, rief er gut gelaunt dem Publikum zu. Und dem wurde hier und da zusehends mulmig, ein guter oder […]

Wettertagebuch

Da kann es draußen noch so grau sein. Wenn Nick Cave ein Wettertagebuch schreibt, ist die Sache in guten Händen: „Das Wetter ist nicht die Wirklichkeit. Indem ich darüber schreibe, wird es zur Fiktion.“ Leider schaut er gerade nicht aus meinem Fenster. Die Realität dort bleibt stur: 16°C, bewölkt, nieselig – drissly, Herr Cave.