Glück

Es heißt, ein Rotkehlchen im Garten zu sehen, bringe Glück. Und was für eins: Stell Dir vor es regnet, und du musst in einem Garten Ordnung schaffen, den du seit einem Jahr nicht mehr betreten hast. Es ist Januar und also kalt und grau. Und Gartenhandschuhe fehlen gerade schmerzlich. Und dann kommt das Kehlchen.

Du hockst am Boden und ziehst an festgewurzeltem Unkraut im Beet. Hebst mülltütenweise Bucheckern und Laub von Flächen, auf denen noch etwas blühen könnte, vom Plastikmüll ganz abgesehen, den die Nachbarn ringsum auf Grundstück werfen. Und plötzlich schaut dich ein dunkles Paar Augen an. Rotkehlchen sind mutig. Sie kommen ziemlich nah an den Menschen ran, und schauen, was die so tun. Ich habe später gelesen, dass es sie besonders interessiert, wenn man im Winter am Boden rumhantiert. Sie hoffen auf Futter, das sich unter dem Geraschel und Gewurschtel bewegt.

Ich arbeite weiter, das Rotkehlchen guckt zu. Ich denke, „sag mal, das ist doch langweilig.“ Aber dann fällt mir ein, dass Tiere ja oft lange und noch länger irgendwo sitzen und gucken. Ich arbeite weiter. Gelegentlich hüpft das Kehlchen hin und her. Vermutlich, um besser sehen zu können, was ich da mache. Auch wenn ich aufstehe, oder neue große Mülltüten entfalte, zeigt es sich nicht erschreckt. Es bleibt sitzen. Ab und zu schaue ich es an. Versuche aber, ihm nicht zu viel Aufmerksamkeit zu schenken. Ich will es nicht verunsichern. Und dann fängt es an zu zwitschern. Rotkehlchen haben einen komplexen Gesang. Bis zu 100 Varianten lernen sie, sagt das Internet. Aber was mich wirklich umhaut ist, wie leise es singt. Es ist so, als flüstere es mir etwas zu. Nicht nur gerade etwas. Es redet regelrecht mit mir. Erzählt mir eine Geschichte.

Und auch das ist eine alte Vorstellung: Dass Rotkehlchen Grüße von Verstorbenen übermitteln. Tatsächlich ist es so, dass es mich mit seinem ernsten und eindringlichen Blick und dem leisen Gezwitscher an meinen Vater erinnert. Wie er einst im Garten gearbeitet hat, mit seiner großen Liebe zu den Pflanzen und Tieren. Es war, als würde er mir durch den kleinen Vogel sagen, dass er mich sieht, und froh ist, dass ich ihm in dieser Hinsicht ähnele.

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Wer die Welt erkennen will, sollte genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingeschaut. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit. Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

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