Nachricht aus dem Zwischenreich

Wenn Menschen an Alzheimer erkrankt sind, wird ihre Identität für andere löchrig. Es gibt die gemeinsam verbrachte Zeit, aber die Erinnerungen verschieben sich so, dass sie auseinander driften. Sich gemeinsam an etwas zu erinnern wird immer schwieriger.

Gestern hat mich aus heiterem Himmel meine Nenn-Tante angerufen. Sie ist die Tochter eines Freundes meines Vaters und 10 Jahre älter als ich. Ich habe sie erst als erwachsene Frau kennengelernt, wir konnten uns darauf einigen, dass sie so etwas wie meine Tante ist, weil sie wiederum meinen Vater als älteren Bruder (den sie selbst nicht hatte) verstand. Vor einigen Jahren machte sich bei ihr Alzheimer breit. Den Tod meines Vaters hat sie nicht mehr richtig mitbekommen.

Und plötzlich hatte ich sie am Telefon. Ich habe mich wahnsinnig gefreut. Aber es war auch unheimlich. Sie klang wie immer. Ich hätte im ersten Moment wetten können, dass sie wieder ganz die Alte ist, von Krankheit keine Spur. Ganz so, wie ich manchmal träume, meine Mutter würde wieder leben und kein Zeichen von Demenz mehr zeigen.

Aber die Risse waren deutlich spürbar. Sie sagte Sachen, die nicht stimmen. Einmal sietzte sie mich. Und dann sagte sie im Laufe des Gesprächs immer dieselben Sätze. Es war wie ein Anruf aus dem Orkus. Ich sprach mit der Frau, die ich so mochte. Aber es war, als spreche ich mit einem Automaten. Ich weiß, dass sie lebt. Ich weiß, dass alles was sie sagt stimmt. Aber eben nicht mehr für jetzt. Es sind Bruchstücke ihres Lebens. Es ist nicht schlimm. Aber ich habe mich verloren gefühlt. Wie von allen guten Geistern verlassen.

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Wer die Welt erkennen will, sollte genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingeschaut. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit. Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

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