Werte

An manchen Freitagen sitze ich nach der Arbeit noch mit einigen Bürokolleg*innen zusammen, wir stoßen auf die Woche an und freuen uns auf den Feierabend. Diese Runden sind spontan und kommen auch nicht immer zustande. Aber sie sind mir lieb geworden, weil hier Themen aufkommen, die aus ähnlichen, aber eben nicht gleichen Lebenszusammenhängen stammen, und die ich selbst gelegentlich nicht auf dem Schirm habe. So sprach ein Kollege von mir gestern über Werte. – Na klar, wichtig! Aber als Single ohne eigene Kinder war mir das Thema nie besonders dringend. Ich hatte meine Werte und gut war. Ich kam bislang noch nicht in die Verlegenheit, Werte zu diskutieren, anderen nahezubringen. Überhaupt: zu überlegen, was einen Wert ausmacht oder was einer ist, und was nicht.

Hm. Da saß ich später zu Hause und überlegte, was eigentlich meine Werte sind, und wie sich solche Werte in meinem Tun zeigen. Hahahahaha!

Ich meine, da ging aber ein großes Rätselraten los. Was ist für mich überhaupt ein Wert, was „normal“, was sind Werte, die ich mir zuschreibe, aber eigentlich nur, weil ich so ein gutes Bild von mir habe. Was passiert, wenn ich wirklich gefordert bin? Und wie viele Werte kann ich überhaupt haben, wenn ich ehrlich mit mir bin, und nicht so tue, als würde ich Anwärterin auf einen Heiligenschein sein.

Ich bin gestern Abend nicht besonders weit gekommen. Ich habe mir einige Werte notiert. Aber ob sie mir wichtig sind, ob ich gar danach lebe – ? Ich will mir die nächste Woche Zeit nehmen, das genauer zu betrachten. Ein erster Wert, der mir wichtig ist, von dem ich aber gar nicht weiß, ob er sich in meinem Alltag zeigt, ist die Großzügigkeit. Findet Ihr diese Eigenschaft wichtig? Seid Ihr großzügig? Ich wäre auf Rückmeldungen gespannt.

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Avatar von Unbekannt

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Wer die Welt erkennen will, sollte genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingeschaut. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit. Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 7

  1. Avatar von muetzenfalterin

    muetzenfalterin 10. Mai 2025

    Großzügigkeit ist ein hoher Wert, finde ich. Und ein Begriff, der viel weitreichender ist, als es auf den ersten Blick scheint. Das meint ja nicht nur, dass ich andere auf einen Kaffee einlade, bei meinen Freund:innen nicht penibel genau berechne, wann sie sich das letzte Mal gemeldet habe, sondern mich einfach selbst melde, um die Freundschaft lebendig zu erhalten, sondern der Begriff „Großzügigkeit“ erstreckt sich für mich auch auf andere Meinungen, wie großzügig bin ich da? Wie viel Meinung, die ich nicht teilen kann und will, halte ich trotzdem aus? Gelingt es mir da neutral oder sogar neugierig zu bleiben. Obwohl ich Großzügigkeit so wichtig finde, bin ich selbst mir da kein Vorbild, sondern arbeite daran, möglichst großzügiger zu werden.

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    • Avatar von Stephanie Jaeckel

      Stephanie Jaeckel 10. Mai 2025

      Oh ja, da ist dieser Moment des Überkreuzens von Tugenden: zum Beispiel von Großzügigkeit und Offenheit, der mir eben überhaupt erst aufgefallen ist. Ich habe auch da gestern mit meinem Kollegen überlegt, wie schwierig wir uns mittlerweile damit tun, gegensätzliche Meinungen erst mal anzuhören, ohne gleich die Schotten dicht zu machen. Vielleicht weil heute Viele gleich knackige Meinungen präsentieren, die sehr spitz und unumgänglich erscheinen: Fast wie Glaubenssätze. Da muss ich nochmal genauer schauen. Aber gibt es eine Tugend, der Du Dich verpflichtet fühlst, und die Du schon ganz gut in Dein Leben integriert hast? Das würde mich interessieren.

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      • Avatar von muetzenfalterin

        muetzenfalterin 10. Mai 2025

        Das ist eine sehr schöne Frage. Ich habe eine Weile nachgedacht, und glaube, die Tugend, die ich ganz gut in mein Leben integriert habe, ist Vertrauen. Möglicherweise ist das aber gar keine Tugend, sondern ein Geschenk, manche verfügen über mehr Vertrauen als andere. Ich habe dieses gewisse Grundvertrauen, auch, weil mein Leben mir bei allen Schicksalsschlägen immer wieder zeigt, dass ich Vertrauen haben darf, dass es in wesentlichen Punkten nicht enttäuscht worden ist.

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  2. Avatar von piri

    piri 10. Mai 2025

    Großzügigkeit ist eine Tugend. Hört sich gut an?! Großzügig kann man sein, wenn man etwas gerne freizügig gibt, ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Es kann Zeit sein – das mag ich selbst am liebsten, denn alles was man kaufen kann ist nicht so wichtig. Ein offenes Ohr, zuhören, den anderen sehen. Ja, vielleicht auch mal eine Kaffee ausgeben und ein kleines Geschenk…

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    • Avatar von Stephanie Jaeckel

      Stephanie Jaeckel 10. Mai 2025

      Mir ist Großzügigkeit deshalb wichtig, weil ich selbst wenig Geld habe. Anfangs war mir gar nicht so klar, dass ich beim Sparen und Auf-die-Pfennige-Schauen Großzügigkeit gar nicht so richtig auf dem Schirm war. Beziehungsweise umgekehrt: Dass ich versuchte, durch kreative Ideen und mit großen Ohren für die Sorgen meiner Freund*innen den finanziellen Aspekt auszugleichen. Mittlerweile gönne ich es mir, Freund*innen zu etwas einzuladen, obwohl ich knapp bei Kasse bin. Das ist dann nicht das Gefühl, die Zähne zusammenzubeißen, um auch mal nett zu sein. Sondern im Gegenteil: ein Fest. Und komischerweise habe ich erst damit das Gefühl, dass ich einer Tugend näher komme. Beim Fest, nicht bei einem Sichabringen dessen, was man für richtig erachtet.

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  3. Avatar von wildgans

    wildgans 10. Mai 2025

    „Anwärterin auf einen Heiligenschein“, das klingt hübsch überspitzt und verrät einen gewissen Humor!
    An der letzten Schule, an der ich gearbeitet habe, gab es manchmal eine Freitagmittagssektkonferenz, der ich aber bald fernblieb. Es gab mir zuviel Unaufrichtiges und verlogene Schönfärberei.
    Wichtige Werte sind für mich Offenheit, Großzügigkeit, Freiheit…

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    • Avatar von Stephanie Jaeckel

      Stephanie Jaeckel 10. Mai 2025

      Ah, Offenheit und Großzügigkeit liegen für mich nah beieinander und ich überlege gerade, wo sie sich unterstützen, aber wo sie auch etwas anderes wollen. Konkret merke ich jedenfalls, dass ich, wenn ich (spontan) großzügig bin, ein offenes Herz habe. Offenheit wäre hier so etwas wie eine Voraussetzung. Großzügig kann ich beim Schenken oder Einladen sein. Aber eben auch beim Verzeihen. Da kommt dann aber schon die Geduld dazu und eine gewisse Demut. Offenheit erlebe ich mehr im Kopf, Freiheit gehört auch zu meinen Kernwerten, aber da bin ich noch ganz unsicher. Zumal, wenn es um die Freiheit anderer geht. Wo hört da zum Beispiel meine Toleranz auf. Oder inwiefern ist mir meine Freiheit ein Alibi für einen gewissen Egoismus? Ein weites Feld, auf dem ich noch eine Weile unterwegs sein will. Danke für Deine Rückmeldung!

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