Herzlichen Glückwunsch, Gilles Deleuze

Der Januar wartet mit ein paar tollen Geburtstagen auf, David Bowie, Susan Sonntag und Gilles Deleuze, der heute vor 100 Jahren geboren wurde.

Und nein. Um das gleich vorweg zu nehmen. Ich habe bislang noch nicht viel von ihm gelesen. Und noch weniger verstanden. Er gehört zu jenen Autor*innen, die ich enorm schätze, aber meist nicht begreife.

Das Nicht-Verstehen nimmt in meinem Leben eine ziemlich große Rolle ein. Immer noch verunsichert mich das. Warum bloß verstehe ich XX oder YY nicht? Fehlt da was in meinem Kopf? Gibt es vielleicht einen Trick?

Das sind Fragen. Und dann gibt es eine sehr unintellektuelle Antwort: Lies einfach, ohne es zu verstehen. Vielleicht bleibt irgendwas hängen und explodiert später zu einem Gedanken. Oder Du liest weiter, um Deine Angst vor dem Nicht-Verstehen zu verlieren. Denn, wer nicht versteht, braucht zumindest ein dickes Fell, um nicht dauernd umzukippen.

Was ich zum Beispiel verstanden habe, wie Deleuze und Guattari versucht haben, im Schreiben selbst Grenzen zu überwinden, indem sie abwechselnd Sätze formulierten, die der jeweils andere weiter führte. Ich begreife dieses unglaubliche Vertrauen, dass der Andere das Eigene nicht kaputt macht, oder verpfuscht, auch wenn er anders weiterschreibt, als man sich das selber so gedacht hatte.

Oder dass der Moment für Deleuze wesentlich ist. Er legt sich auf die Lauer. Situationsabhängige Warheiten sind es, die er sucht, keine ewigen Kategorien oder Regeln. Damit zum Beispiel hege ich die Hoffnung, auch mein Lebensdurcheinander betrachten zu können.

Dass er sich mit dem Ressentiment (Vorbehalt, heimlicher Groll) auseinandersetzt, einer fiesen Gefühlslage, mit der sich auch schon Nietzsche beschäftigte, interessiert mich besonders, weil ich das Gefühl habe, beim Älterwerden immer wieder und öfter in die Fänge des Ressentiments geraten zu können. Sich kleiner zu machen als nötig zum Beispiel. Oder in eine völlige Passivität zu fallen, aus der heraus alles, was stattfindet, wie eine Bedrohung, oder wie aus einer anderen Welt daherkommt. Oder das Herz nicht mehr öffnen zu können, um andere zu lieben oder auch nur zu bewundern.

Und dann gibt es diesen großen Impuls bei ihm, Neues, gerne auch Unverständliches in die Welt zu bringen. Das mir, und da kehrt sich mein Nicht-Verstehen in eine Art Argument um, selbst Unverständliches zuzulassen. Ist ja nicht so, als wenn ich alle eigenen Ideen gleich kapieren würde. Es anderen im Gespräch oder sonstwie zuzumuten, ermutigt mich Deleuze. Oder zumindest zwinkert er mir manchmal aus alten Filmdokumentationen zu. So verstehe ich das jedenfalls.

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Avatar von Unbekannt

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Wer die Welt erkennen will, sollte genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingeschaut. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit. Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 6

  1. Avatar von LP

    LP 18. Januar 2025

    Eventuell habe ich Einiges von David Bowie verstanden, weil ich mich reichlich mit seinen Texten und seiner Biographie beschäftigt habe.
    Eventuell deutlich weniger verstehe ich von Susan Sontag, die mir gerade erst Wolfram Bergers Buch „Geister der Gegenwart“ wieder in den Fokus gerückt und mich animiert hat, mehr Sontag zu lesen
    Eventuell habe ich gar nichts von Gilles Deleuze verstanden. Tröstlich ist, dass ich das auch gar nicht muss. Ich erlaube mir diese Wissens- und Verständnislücke. Es gibt andere, die zu stopfen mir wichtiger und ggf. vergnüglicher sind. Simone Weil zum Beispiel wartet zur tieferen Beschäftigung 🙂

    Also: Keine Zerknirschung.

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    • Avatar von Stephanie Jaeckel

      Stephanie Jaeckel 19. Januar 2025

      Ja, es gibt diese Unterschiede, hier verstehe ich mehr, da weniger, das ist auf jeden Fall so, manchmal auch nur situationsabhängig, weil ich hier den Kopf gerade voll habe oder da einfach kein so großes Interesse (oder nötiges Vorwissen). Vielleicht reichen eben auch manchmal ganz kleine Krümelchen, um Dinge trotzdem anders sehen zu können.

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