In die Köpfen anderer

kann ich nicht hinein sehen. Meist ist das auch besser so. Wer tausend eigene Gedanke pro Minute verarbeiten muss, möchte sicher nicht noch mal tausend an die Backe geklatscht kriegen. Aber dann wäre es manchmal doch so hilfreich…

Mit großen Gehirnen ausgestattet, dreht bei uns fast jede Handlung vom Impuls bis zur Ausführung noch eine Runde durch den Kopf. Und dann sind wir ja oft selbst überrascht, was wir da machen. Deshalb sind wir häufig damit beschäftigt, unser Verhalten – und natürlich meistens das der anderen – zu deuten.

Dass in anderen Köpfe andere Regeln gelten, dass wir alle die Welt nur durch die eigenen Augen sehen, ist eine Binse. Dennoch gibt es in letzter Zeit häufiger Momente, in denen mich das beunruhigt. Wie kommen Menschen in Deutschand, oder eben auch in Europa, politisch zu so ganz anderen Einschätzungen bei gleicher Ausgangslage? Warum scheinen sich viele meiner (gleichaltrigen) Bekannten mehr um Eigenes, denn um Grundlegendes zu kümmern. Warum geht so viel Angst um? Oder auch in der eigenen Familie: Warum konnten wir über offensichtliche Missverständnisse, über persönliche Katastrophen, über Süchte oder Versäumnisse nicht sprechen. Es gab – zumindest bei uns – lediglich eine „offizielle“ Lesart, die einige Familienmitglieder in Umlauf brachten, und die Gesetz wurde. Obwohl so viel darin nicht stimmte.

Und hilft es am Ende wirklich, das rauszufinden? Ein auf Gleichheit und Augenhöhe gedachtes Miteinander geht davon aus. Dass wir mehr verstehen, wenn wir unser Gegenüber verstehen. Dass es offen macht, andere Standpunkte zu kennen. Um immer wieder auf die verwirrende Tatsache zurück zu kommen, dass es nicht die eine Wahrheit gibt. Weder im Großen, noch im Privaten. Dass wir uns austauschen müssen, um für jeden einen sicheren Platz zu finden.

Wer bin ich, ist ja mehr als die eigene Einschätzung meiner selbst. Ich bin eben auch der Platz, den ich im Leben (anderer) einnehme. Auch wenn wir vielleicht nicht mehr von einer einzigen festen Position ausgehen sollten, sondern mehr so von einem bestimmten Feld. Wer ich bin ist eine Art Schnittmenge zwischen eigenen Vorstellungen und denen unserer Umgebung. In der politischen Diskussion ebenso wie bei privaten Angelegenheiten.

Ich erlebe das gerade im familiären Umfeld: Dass sich meine Position verändert. Nicht, weil ich eine andere geworden bin, sondern weil es mehr offene Gespräche gibt, bei denen wir unsere Köpfe mal fürs Gegenüber öffnen. Es ist gar nicht so einfach. Ich fühle mich zwar besser damit, es gibt aber auch einen traurigen Moment, dieses fast „zu spät“ dieser Öffnung.

Gleichzeitig habe ich den Eindruck, dass diese Ehrlichkeit etwas sein könnte, was uns im größeren gesellschaftlichen und politischen Diskurs helfen könnte. Keine Anekdoten oder rührende Storys. Sondern ein Gespräch, das mit offenem Visier geführt wird. Denn selbst, wenn wir anderer Meinung sind, finden wir vielleicht wieder gemeinsamen Boden in Hoffnungen, in Ängsten, in Einschätzungen.

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Avatar von Unbekannt

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Wer die Welt erkennen will, sollte genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingeschaut. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit. Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 10

  1. Avatar von derdilettant

    derdilettant 15. September 2024

    Ich würde gerne, wenn erlaubt, die eine Frage herauspicken: wie kommen Menschen bei gleicher Ausgangslage zu so unterschiedlichen politischen Einschötzungen? Die Antwort scheint ganz einfach. Die Ausgangslage ist nicht gleich. Zumindest wenn der Hintergrund deiner Frage das Erstarken rechter bis faschistischer Meinungsbildung ist. Ob nämlich Menschen für sich persönlich eine Perspektive, und Gestaltungsmöglichkeit finden bzw. erleben, zieht alles andere nach sich. Und da klaffen in inseren westlichen Gesellschaften mittlerweile tiefe Risse. Das wirken unsere Eliten wird in großen Teilen der Bevölkerung nicht mehr als ein dem Allgemeinwohl verpflichtetes wahrgenommen. Ressourcen verteilen sich zunehmend ungleich. Dass Menschen sich vor diesem Hintergrund von demokratischen Strukturen entfernen, scheint plausibel.

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    • Avatar von Stephanie Jaeckel

      Stephanie Jaeckel 15. September 2024

      Darauf würde ich antworten: ja und nein. Denn Gleichheit ist ja nicht die Zusicherung gleicher Lebensumstände für alle. Demokratische Gleichheit ist zunächst die Zusicherung einer gleichen Partizipationsmöglichkeit. Davon abgesehen, dass Menschen natürlich immer dann schneller Zugang zu etwas bekommen, wenn sie jemanden kennen, ist politisches Mittung immer offen. Auch Bildung steht erst mal allen offen. Wir haben eine offene Berufswahl. Wer aus „einfachen“ Verhältnissen kommt, wie ich, muss meist während der Ausbildung arbeiten oder die Augen offen halten. Auch wenn wir Eliten misstrauen: Sie sind nicht dafür da, dass wir es bequem haben. Der Laden läuft vor allem aus wirtschaftlichen, aber eben auch aus global politischen Gründen nicht mehr von selbst. Natürlich werden in solchen Krisensituationen Ressourcen ungleich verteilt. Aber noch sind wir alle in der Lage, mit klugen Koalitionen den Karren so weit es geht wieder ans Laufen zu bringen. Es geht niemals um reale Gleichheit in allen Dingen, sondern um Chancengleichheit. Ich denke, dass hier falsche Vorstellungen gedeihen.

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      • Avatar von derdilettant

        derdilettant 15. September 2024

        Könnte man so denken.Der Wirtschaftsnobelpreisträger Angus Deaton – weiß Gott kein Kommunist – hat neulich in einem Artikel in der Süddeutschen Zeitung vernichtende Kritik geübt am Wirken neoliberaler Politik der letzten Jahrzehnte seit Clinton und Obama (bei uns Schröder). Kann ich dir gerne per email zukommen lassen. Anders als in den z. B. 60ger oder noch 70ger Jahren sind große Teile der Arbeiterschicht an den Rand der Gesellschaft gerutscht und profitieren von der Geld- und Luxusbermehrung finanzkräftiger Teile der Bevölkerung mitnichten. Demokratie ist den meisten dieser Menschen – nachvollziehbarerweise – völlig schnurz.

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        • Avatar von Stephanie Jaeckel

          Stephanie Jaeckel 16. September 2024

          Wir sollten natürlich kurz darauf hinweisen, dass diese Politiker gewählt wurden. – Neoliberalismus war die Idee, dass Wirtschaft die Wirtschaft reguliert, die jeweiligen Länder reicher macht, und die Politik sich um andere Dinge kümmert. Dass das nicht so ist, weil die Wirtschaft konsumorientert und nicht gesellschaftlich interessiert ist, haben wir erleben müssen. Will sagen, die Idee war eine schlechte. Der Karren steckt im Dreck. Und zwar tief. Aber es kann eben nicht sein, dass ein Fehler dazu führt, den Kopf in den Sand zu stecken. Denn dann wird ja nix mehr. Ich verstehe diese Haltung des Schnurz-Seins deshalb gar nicht. Wenn ich enttäuscht bin von meinen Möglichkeiten, da hilft Schnurz gar nicht. Und schon lange keine „Alternative“, die nur die Idee hat, Demokratie zu zerstören. Denn eins ist klar, die armen abgehängten Menschen werden unter so einer Regierung völlig untergehen. Sie zählen ja nur so lange als Stimmvolk, bis Wahlen abgeschafft werden. Trump faselt ja schon davon.

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          • Avatar von derdilettant

            derdilettant 16. September 2024

            Da bin ich ganz bei dir. Außer dass du deine Fähigkeiten und Befindlichkeiten Menschen abverlangst, die dazu – wahrscheinlich – nicht in der Lage sind. Ich möchte mir ungern prekäre Lebensverhältnisse vorstellen, soziale Verwerfungen durch katastrophale familiäre Bedingungen von Geburt an, vielleicht über Generationen, und weiteres mehr. Intellektuelle im 19. Jahrhundert hatte häufig dem, damals neuen, Gedanken der Demokratie gegenüber tiefe Skepsis. Einfach , weil sie sich nicht vorstellen konnten, dass breite Schichten der Bevölkerung der Idee gerecht werden könnten. Nach einer Phase der Stärkung von Arbeiterrechten, emanzipatorischem Gedankengut und Bildungsaufschwung sind wir gerade dabei – indem wir neoliberale Politik zulassen – ein neues Prekariat herauszubilden, bzw. zuzulassen, dass unternehmerisches Wirken dieses befördert. Dein Apell / deine Erwartung an den Einzelnen ist ein schöner Gedanke, der jedoch m. E. völlig an der Realität vorbeigeht.

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          • Avatar von Stephanie Jaeckel

            Stephanie Jaeckel 16. September 2024

            Naja, ich gehöre selbst zu den Abgehängten. Freiberuflerin, Texterin. Eine Familie von Trinkern und Schizophrenen. Was willste noch. Ich lebe extrem bescheiden. Ich bin in der Gewerkschaft. Ich engagiere mich politisch. Ich bin das neue Proletariat. Und ich fühle mich nicht abgehängt. Die Welt ist kein Ponyhof und kein Spiel. Ich bin für mich verantwortlich, kein Politiker und keine Politikerin. Ich kann und muss die Demokratie nun mal mittragen. Es gibt keinen Freifahrtschein, nur weil ich arm bin. Was ist denn daran schwer zu verstehen? Wer frei sein will, ist für sich verantwortlich. Punkt.

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          • Avatar von derdilettant

            derdilettant 16. September 2024

            Ich bewundere deine Haltung. Sie nötigt Respekt ab. Eine Politik, die auf dieser Grundlage regiert, überantwortet große Teile der Bevölkerung – und da möchte ich eher Richtung USA weisen, denn dort ist die ungleiche Verteilung von Lebenschancen noch viel krasser – ihrem Schicksal. Dann ist jeder seines Glückes Schmied, und wer es nicht vom Tellerwäser aus höher schafft, ist selber daran Schuld. Ich bin – nach wie vor und unbelehrbar, wenn du willst – ein Anhänger sozialer Marktwirtschaft und würde nie zögern, die Verdienste zozialdemokratischer Errungenschaft seit Willy Brandt zu verteidigen. Aus deinen Worten spricht für mich das Ringen eines Menschen, der es verdammt schwer hatte im Leben. Ich möchte daher diesen Meinungsaustausch an dieser Stelle gerne beenden, wenn das für dich in Ordnung ist. Danke für das Teilen deiner Ansichten.

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      • Avatar von derdilettant

        derdilettant 15. September 2024

        Übrigens hast du völlig recht. Es geht nicht um Gleicheit, sondern gleichen Zugang zu den Ressourcen. Der hat sich in den westlichen Industriestaaten dramatisch verschlechtert. Insbesondere durch das Wirken der großen Netzwerkkonzerne entsteht seit Jahren ein neues Proletariat. Der Angriff auf den autonomen Menschen setzt bei diesen Konzernen direkt bei den Schutzbedürftigsten, den Kindern an.

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  2. Avatar von Ulli

    Ulli 16. September 2024

    Wie anders könnte eine Gesellschaft sein, wenn offene Gespräche, verbunden mit allen Gefühlen und Haltungen, geführt werden könnten!
    Der erste Schritt wäre einen Rahmen zu schaffen, um einander zuzuhören. Ich durfte schon Kreise erleben, in denen das möglich gewesen ist. Und war fasziniert, wieviel mehr jede=r über die/den anderen erfuhr, was ohne diesen Rahmen im Verborgenen geblieben wäre. So wuchs auch Verständnis füreinander.
    Schon lange plädiere ich dafür schon in den Schulen Kommunikation zu lehren, miteinander zu üben.

    Herzliche Grüße und danke für deinen Gedankenanstoß, Ulli 🌺

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    • Avatar von Stephanie Jaeckel

      Stephanie Jaeckel 16. September 2024

      Ja, das wäre toll, dieses Reden-Lernen an Schulen. Sie lernen da ja nur, wie man richtig diskutiert, und das ist dann schon wieder so mit Regeln. Am besten wäre es vielleicht, man würde die Kurse „Zuhören“ nennen. Aber ja, in den Schulen wird nach wie vor viel Stoff in die Köpfe geschoben, statt die Kinder davon auch reden zu lassen, wie es ihnen geht, wie ihre Welt ist.

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