Wegweiser

Immer wieder lese ich, wie wichtig Vorbilder im Leben sind. Und immer wieder lautete mein Befund: ich hatte kaum welche. Und plötzlich taucht einer auf.

Im Juni habe ich bei einer Ausstellungseröffnung Kaspar König gesehen. Ein stattlicher alter Herr, immer noch schön, immer noch jemand, der im Gewusel auffällt. Wer aus Köln kommt, kennt den Namen König. Der Bruder hat den Buchladen einst dort im Museum Ludwig eröffnet, heute trifft man ihn (also den Laden…) in vielen großen und kleinen Museen.

Kaspar König habe ich damals nie gesehen. Dennoch war er für mich von größter Bedeutung. Denn er hat 1981 in den Kölner Messehallen eine spektakuläre Ausstellung gemacht: „Westkunst“. Ich war 17. Und wahrscheinlich zum ersten Mal in meinem Leben in einer Ausstellung moderner Kunst. Es war wie eine Befreiung.

Es gab also Dinge, die mehr waren, als das, wozu sie gebraucht werden. Es gab Farben. Formen. Durcheinander. Spinnereien. Scheitern. Glücksgefühle. Bekloppte (und weniger bekloppte) Ideen. Viele Fragen. Noch mehr Fragen. Möglichkeiten, die Welt zu sehen. Oder sich selbst. Ja, sich selbst. Es gab ein Publikum. Also offensichtlich Leute (erwachsene), die das ernst nahmen.

Diese Ausstellung wurde für mich zur Initialzündung. Nicht, dass groß was passiert wäre. Ich lebte in einer enorm engen Realität. Es überrascht mich heute noch, dass ich überhaupt den Katalog kaufte (er liegt gerade vor mir auf dem Schreibtisch. Ich habe ihn immer bei mir gehabt).

Drei Jahre später gab es noch eine große Ausstellung in Köln. „Von hier aus“. Wieder war König mit dabei, wieder war ich geflascht. Diesmal 20 und gerade neu eingeschriebene Kunstgeschichts-Studentin in Bonn. Das Gefühl der Freiheit war dasselbe wie drei Jahre zuvor, auch wenn ich wegen krasser Menstruationsschmerzen den ganzen Ausstellungstag eigentlich nur unter einer Installation von Nam June Paik lag. Aber eben: auch das war Freiheit: sich auf eins von hunderten Exponaten in einer Ausstellung zu konzentrieren.

Kaspar König ist Anfang des Monats gestorben. Als ich ihn in Berlin sah, war mir noch gar nicht klar, was ich ihm verdanke. Als ich vorgestern kurz vor der Abfahrt nach Berlin noch das Museum Ludwig besuchte, wo er jahrelang Direktor war, konnte ich in der aktuellen Neupräsentation der Sammlung seinen Geist noch einmal spüren. Das war ein tolles Erlebnis. Dass es eben doch Dinge gab, die mich nach vorne brachten, die mir eine Richtung vorgegeben haben, als ich in der Enge meiner Herkunft zu ersticken drohte. Und dass die damaligen Anschaffungen groß genug waren, mit heutiger Kunst prächtig im Nebeneinander zu stehen, bzw. hängen. Kunst nämlich wird gar nicht alt. Sie bleibt relevant und entfaltet sich immer wieder neu. Vielleicht ja auch ein Motto für alternde Menschen: Facetten zeigen, statt Falten zählen…

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Wer die Welt erkennen will, sollte genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingeschaut. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit. Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

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