Ein neues Leben beginnen

Wer von einem neuen Leben träumt, mag sich nach einem Kurswechsel, einem Umzug oder einer sonstigen Neuausrichtung sehnen. Ich gebe zu, auch schon an radikale Entscheidungen gedacht zu haben. Zum Beispiel an den Umzug in eine andere Stadt, wenn möglich ins Ausland, um noch einmal von vorne zu beginnen. Und alle möglichen Entscheidungen bewusst und bedacht noch einmal zu treffen. Aber dann kam mir die Sache doch immer zu gewollt vor. Ein Neuanfang, dachte ich, kann doch auch hier und jetzt und sofort gelingen, nur war mir nicht klar, wie eigentlich.

Im März ist mein Vater gestorben. Seitdem habe ich keine Eltern mehr. Die Traurigkeit ist noch da. Aber es ist auch etwas Neues dazu gekommen. Das Sterben meines Vaters war für mich sehr eindrücklich. „So ist das also“, dachte ich oft, es waren viele kleine Abschiede, aber keine Katastrophen. Seitdem hat der Tod hat für mich eingiges von seinem abstrakten Schrecken verloren. Mein eigenes Sterben kann ich mir jetzt vorstellen.

Das macht einen Unterschied. Ich würde tatsächlich sagen, diese Vorstellung ist der Beginn eines neuen Lebensabschnitts. Und diesmal habe ich den Eindruck, an der Schwelle eines neuen Lebens zu stehen. Dinge klären sich. Es ist, wie wenn mich die Erfahrungen, die ich ich bislang gemacht habe, tragen. Naja, zumindest auf eine Art halten. Das ist kaum Überblick oder Durchblick, ich würde es eher Einsicht nennen.

Tatsächlich ist es auch kein neues Leben mit neuen Zielen oder Ansprüchen. Es ist eher, als wenn die Luft um mich herum anders ist, prickelnder, klarer. Es geht gar nicht mal darum, ein besseres Leben zu haben. Einfach das, was da ist, kompromissloser zu leben. Ohne Selbstmitleid.

Ob das wirklich so geht. Nur weil ich meinen toten Vater gesehen habe? Aber es war da etwas, was ich kaum beschreiben kann. So wie wenn ein Stab weitergereicht wird. Oder wie wenn etwas durch den Tod erst geweckt wird. Hoffe ich mal, dass es nicht nur eine Flause ist, sondern ein Funke für die Zukunft.

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Wer die Welt erkennen will, sollte genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingeschaut. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit. Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 2

  1. Avatar von quersatzein

    quersatzein 30. Juli 2024

    Das ist wunderbar beschrieben und ich wünsche dir, Stephanie Jaeckel, dass dieses gefühlt neue Leben keine Vision ist, sondern eine wahrhaft neue Richtung und Qualität bekommt, die dich bestärkt in allem, was du tust und was dich umtreibt!

    Einen herzlichen Gruss, Brigitte

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