Dem Sterben zusehen

Aus dem Fernsehen sind wir einiges gewohnt. Kriegstote gehören fast schon zum täglichen Brot – zumindest in Krisenzeiten. Es ist immer ein ungutes Gefühl, das Drama im eigenen Zimmer zu haben, gleichzeitig keine – oder gefühlt unpassende – Emotionen zu spüren. Sterben wiederum ist uns fremd geworden. Selbst in Pflegeheimen bleibt das Gespräch darüber ausgespart. Man hält sich am aktuellen Zustand fest, und da ist – wenn auch nur noch wenig – Leben.

Ich habe meinen Vater in seinen letzten Monaten und Tagen begleitet. Wir hatten uns das beide anders vorgestellt: Mein Vater träumte von einem schnellen Tod im eigenen Bett, ich habe das Thema weitgehend verdrängt. Es wurde dann doch noch ein schwieriges letztes Jahr mit einer Lungenentzündung, die die ganze Lebensendzeitmaschinerie in Bewegung gesetzt hat. Krankenhaus, Heimsuche, Einzug ins Heim, enorm viele Infektionen, das langsame Wenigerwerden. Seine Angst, die einer friedlicheren Resignation wich. Die letzten Erinnerungen. Das Verstummen. Ein fünftägiges Ringen mit dem Tod. Kein Drama, eher eine körperliche Anstrengung.

Und ich war dabei. Ich hatte keine Antworten. Ich hatte eben auch kein herzliches Verhältnis zu meinem Vater. Er war mir vertraut. In dieser letzten Zeit habe ich überhaupt erst bemerkt, dass er eine schöne Stimme hatte. Manchmal habe ich versucht, mit ihm über das Sterben zu sprechen. Wenn er Angst hatte, erinnerte ich ihn an meine Mutter, und dass sie uns beiden ja tapfer vorausgegangen ist. Ich habe ihm die letzte Ölung ermöglicht, da war er noch beieinander und konnte mit dem Pfarrer sogar noch Witze machen. Und das eben auch, wir konnten hin und wieder miteinander lachen.

Jetzt denke ich, dass der eigentliche Punkt das Zusehen war. Natürlich in der Form des Daseins. Aber eben auch in der Form des Zeugnisses. Ich kann das nicht genau beschreiben. Aber es fühlt sich so an, als gehe es um das Hinschauen. Als eine Art Respekt. Vielleicht auch als ein Art, sich den eigenen Gespenstern zu stellen. Das Leben ist ein Windhauch. Was ich weiß, füllt sich mit Bildern. Die Sonne scheint. Auch das ein Windhauch nur.

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Wer die Welt erkennen will, sollte genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingeschaut. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit. Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 5

    • Avatar von Stephanie Jaeckel

      Stephanie Jaeckel 17. März 2024

      Darum geht es natürlich: Unsere Generation ist jetzt mit der Sorge um die Eltern beschäftigt. Ich habe gar keine Erinnerung daran, wie der Tod meiner Großeltern für meine Eltern war. Das wurde nicht thematisiert. Nicht in der eigenen Familie, aber auch nicht unter Freunden. Das geschah einfach. Ich weiß aber zumindest, dass ich mich in der Situation weniger alleine gefühlt habe, weil ich mitbekomme, wie Kolleg*innen und Freund*innen ebenfalls mit der Situation ringen.

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