Es geht um den Erhalt der „öffentlichen Wohnzimmer“

So zumindest sieht es laut Spiegel online Ingrid Hartges, die Verbandschefin für Hotels und Gastronomie. Es steht eine Erhöhung der Mehrwertsteuer im Raum. Das könnte zu einer neuerlichen Pleitewelle im Restaurantbetrieb führen.

Soweit ja. Ich bin für Restaurants. Aber ich störe mich an dem Begriff „öffentliche Wohnzimmer“, den sie wählt. Seit wann ist „öffentlich“ mit Eintritt verbunden? Wer wenig Geld hat, weiß, wie wenig willkommen man in der gastronomischen Öffentlichkeit ist, wenn man versucht, an einem regnerischen Abend einen Kaffee in einem Speiselokal zu ordern. Oder auch nur ein Glas Leitungswasser zum bestellten Essen zu verlangen. Die Restaurant-Öffentlichkeit strahlt tatsächlich Gastlichkeit aus und viele Straßen Berlins profitieren von den Lokalen. Aber das eigentliche Problem ist ein anderes: Es gibt in der Stadt viel zu wenig „öffentliche Wohnzimmer“. Also Orte, an denen wirklich jede*r willkommen ist. Im Sommer mögen es Parks sein und Badeseen. Aber lasst mal den Winter kommen. Oder Eimerweise Sommerregen.

Für mich als Kunsthistorikerinnen stehen ja immer wieder die Museen zur Diskussion. Weitgehend eintrittsfreie Häuser wie das sensationelle V&A in London (überhaupt die großen Londoner Museen) sind für mich die Bestätigung dafür, dass das geht. In Göttingen gibt es übrigens mittlerweile auch ein Haus, das es mit der Öffentlichkeit Ernst nimmt, und Obdachlose nicht sofort rausschmeisst: das Museum der Universität verändert sein Selbstverständnis hin zu einem solchen wirklich öffentlichen Ort. Also hingehen. Wer will bekommt im Museumscafé natürlich auch einen Kaffee mit Kuchen, Pommes oder sonst was. Gegen Geld. Wie üblich…

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Avatar von Unbekannt

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Wer die Welt erkennen will, sollte genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingeschaut. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit. Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 4

      • Avatar von derdilettant

        derdilettant 8. August 2023

        Ohne kleinlich sein zu wollen: die AGB ist der eine Teil (in Kreuzberg) der größten öffentliche Bücherei Berlins, die Stabi ist die größte wissenschaftliche Bibliothek Deutschlands, mit zwei Häusern in Berlin (Postdamer Straße und Unter den Linden). Viele Grüße!

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        • Avatar von Stephanie Jaeckel

          Stephanie Jaeckel 12. August 2023

          Entschuldige! Ich war letzte Wochen noch krank und nicht ganz hell im Kopf. An dem Tag habe ich die AGB besucht. Deswegen habe ich wohl nur „Bibliothek“ gelesen und nicht StaBi. Klar, die ist natürlich auch der Hammer, allein schon wegen der fantastischen Architektur. Ja, toller Ort. Danke für dieses Beispiel!

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