Neustart

Oder: wenn sich das Leben revidiert. Ich bin Anfang der 1990er Jahre nach Berlin gekommen. Nicht nur, um hier zu studieren. Sondern auch – und vielleicht vor allem – um meinen Eltern so weit wie möglich aus dem Weg zu gehen. Ich bin ein Einzelkind und hatte das Pech, in der Beziehung meiner Eltern die Schuldige für alles zu sein. Ein Mädchen auch noch, das ein Junge hätte sein sollen. Ein eher hässliches Kind. In der Pubertät haben wir uns endgültig entzweit. Versuche, danach wieder ins Gespräch zu kommen, fanden nicht einmal einen Anknüpfungspunkt.

Berlin lag mir anfangs so gar nicht. Mittlerweile kann ich mir kaum eine andere Heimatstadt vorstellen. Und jetzt wohnt mein Vater fünfhundert Meter von meiner Wohnung in einem Pflegeheim.

Er kann nicht mehr laufen. Insofern bleibt mir ein gewisser Schutz. Das Heim ist für mich fast „extraterrestial“ – wenn ich rein gehe, ist es für mich eine Zone außerhalb meiner Welt. Aber meine Träume sprechen eine andere Sprache. Ich bin in die Falle gegangen und liege im eigenen Blut.

Ja. Die Theatralik eigener Träume ist kaum zu überholen. Im Wachzustand versuche ich eine Überschreibung. Denn ich will nicht zurück in mein altes Leben als Tochter. Und sehe mich gerade vor einer neuen Aufstellung meines Alltags/Lebens. Ich sage mir, dass es hier auch Chancen geben wird. Und dass ich die Augen offen halten soll. Vielleicht gibt es für mich eine klarere Grenze der eigenen Belastung. Das zum Beispiel wäre ein Gewinn. Denn ohne familiäre Anbindung hatte ich oft kein Maß für meine Erschöpfung. Mit der aber muss ich jetzt anders haushalten. Wir werden sehen. Gestern dachte ich sogar kurz an einen Hund. Als wäre der zusammen mit einem Vater im Heim jetzt viel näher als ohne Vater im Heim. Schauen wir mal.

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Wer die Welt erkennen will, sollte genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingeschaut. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit. Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 6

  1. Avatar von piri

    piri 5. August 2023

    Ein Dilemma! Meine Eltern leben nicht mehr und ich das älteste Kind von sechs. Musste Vorreiter sein und das durchkämpfen, was meine Geschwister dann für selbstverständlich nahmen. Wie es ist, es ist unser eigenes Schicksal. Meistens nicht leicht. Ich bin damals auch weggezogen, um meinen Eltern zu entkommen – genützt hat es nichts.

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    • Avatar von Stephanie Jaeckel

      Stephanie Jaeckel 6. August 2023

      Ja, der Begriff Dilemma trifft es gut. Man bleibt immer etwas in Bezug auf die Herkunftsfamilie. Etwas, was nicht abzuschütteln ist. Gestern war es mit meinem Vater ganz o.k. Wir haben beide die Zeitung gelesen (wozu ich zu Hause gar nicht erst komme). Und dazu Kaffee getrunken. Der Heimkaffee ist erstaunlich stark und gut. Sagen wir also so: ein überraschend guter Tag.

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  2. Avatar von monsieurquirit

    monsieurquirit 5. August 2023

    Wir müssen immer die Fehler unserer Eltern ausbaden. Zumindest kann ich nicht mal Böse sein, meine Mutter hat es zumindest gut gemeint. Aber gut gemeint ist das Gegenteil von gut und stinksauer bin ich trotzdem (immer noch). Mein Vater starb zu früh.
    Ob ich es dann besser gemacht habe, wird sich zeigen, manchmal zweifle ich auch daran.

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    • Avatar von Stephanie Jaeckel

      Stephanie Jaeckel 6. August 2023

      Das geht mir an guten Tagen auch so. Dass ich nicht böse bin. Und das ging eben aus der Distanz wesentlich einfacher als jetzt. Aber einen anderen wichtigen Punkt nennst du auch, nämlich ob wir es denn besser machen. Ich habe keine Kinder. Aber genug Gelegenheit, Fehler zu machen. Insofern versuche ich, geduldig zu bleiben. Eigene Fehler, das nämlich weiß ich, gibt es auch so genug…

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