Monika Maron

Um es vorweg zu sagen: Ich weiß es nicht. Aber die Vorwürfe, die lauter wurden, und schließlich im Rauswurf Marons beim S. Fischer Verlag endeten (bislang), haben mich verunsichert. Monika Maron gehörte zu den deutschen Autor/innen, die ich regelmäßig seit Ende der 1980er Jahre lese. Vielleicht nicht mit der allergrößten Begeisterung, aber doch immer neugierig. „Pawels Briefe“ waren für mich das schönste Buch überhaupt, danach – so kam es mir vor – wurden die Geschichten schwerfälliger. Ich bin keine Literaturkritikerin. Ich schreibe dies auch gerade, ohne es noch einmal überprüft zu haben. Nach „Pawels Briefen“ habe ich hier und da ein Buch ausgelassen. Das letzte, das ich auf dem Nachttisch hatte war „Munin oder Chaos im Kopf“. Auch dieses Buch fand ich im Anfang zäh. Damals war auch schon Gerede zu hören. Aber ich las es durch, und fand es – tröstlich.

Vielleicht ist (und jetzt schaue ich in „Munin“) die explizite Ich-Perspektive, aus der das Leben der Protagonistin ausgeleuchtet wird, für beides verantwortlich: Dass Leser/innen immer wieder auf die Fährte gelockt werden, hier schreibe Monika Maron (sie nutzt diese Perspektive häufig) über sich selbst, und, dass es zum Lesen doch ein zähes Stück Text geworden ist (für mich eben gerade, sagen wir, im ersten Drittel). Zudem ist es eine zeitgenössische Geschichte: Es wird aus der direkten Gegenwart erzählt. Und durch die Perspektive der erzählenden Hauptperson auch kommentiert. An der Stelle macht sich vielleicht auch mein persönliches Lese-Unbehagen fest: Mir ist das zu langwierig. Alle – sagen wir mal – „Probleme“ oder Missstände, von denen erzählt wird – und ich werde hier nur den Nachbarschaftsstreit herausnehmen – passieren in meinem Leben wirklich 1:1, und damit genau so.

Eine Nachbarin, offensichtlich mit dem eigenen Leben überfordert oder von ihm weitgehend distanziert, singt stundenlang auf ihrem Balkon – mehr schlecht als recht – Arien und anderes und vor allem laut. Erst ist es skurril, dann ist es traurig, dann lustig, dann nur noch nervig. Wenn die Balkon-Sängerin sich an feste Zeiten hält, fühlt sich die Buchprotagonistin als unbeabsichtigte Zuhörerin in der Zeitfalle gefangen, wenn nicht, fällt sie unangekündigt in die akustische Geiselhaft. Beides ist auf die Dauer eklig. Das zu lesen, war für mich – wie schon geschrieben, quälend. Wobei der Höhepunkt für mich der Diskussionsabend war, zu dem eine Nachbarin in dem Buch geladen hat, und in dem die Meinungen der dort Betroffenen und Vorschläge zum weiteren Vorgehen besprochen werden:

Diese Passage ist sensationell und unangenehm zugleich, weil Monika Maron seismographisch genau viele Nuancen menschlicher Denke vorträgt. Es ist auf manchen Seiten gar nicht auszuhalten, wie heuchlerisch, selbstgerecht, plump und dämlich da argumentiert wird, vor der Hand natürlich im guten Glauben, man versuche hier gemeinsam ein Problem zu lösen. Ich habe es beim Lesen tatsächlich fast nicht ausgehalten. Und das Schlimme dabei: Viele dort vorgetragenen Positionen fand ich zuerst auch plausibel. Dieser Diskussionsabend jedenfalls hat sich für mich als schonungslose Beschreibung einer selbst organisierten Nachbar/innen-Versammlung herauskristallisiert.

Hier haben wir also mal ganz ungefiltert „Volkes Stimme“, es gibt später noch andere Passagen, in denen die Protagonistin Nachbar/innen zuhört, und sich über das Gehörte so ihre Gedanken macht. Was ich wesentlich finde: Auch wenn wir da viel Hetze zu hören bekommen, vor allem zum Thema gesellschaftliche Ausgrenzung, es wird zu keinem Zeitpunkt als „richtige“ Option dargestellt. Und auch die Protagonistin, die sich zurückgezogen in ihrer Wohnung vieler von außen auf sie einstürmender Unannehmlichkeiten erwehren muss, und defensiv, manchmal weinerlich, auf ausgrenzende Gedanken kommt, steht nicht als Wahrheitsverkünderin da, eher als eine abgedrehte ältere Frau, die meint, Krähen könnten sprechen – und schlimmer noch: Die Welt erklären.

Das Buch hat mich getröstet. Weil auch ich eine abgedrehte ältere Frau bin, die mit Tieren redet. Die sich immer wieder versucht, die Welt zu erklären – und meist sogar noch, sie sich etwas schöner zu reden, als sie, zumindest augenblicklich, ist. Es hat mich getröstet, weil auch ich jeden Strohhalm zur Hilfe nehme, mich aus unangenehmen Lebenssituationen zu winden, jeden Strohhalm, um die vielleicht fällige Entscheidung nicht treffen zu müssen, „einfach“ zu verschwinden. Wer sesshaft ist, macht sich angreifbar. Wer sesshaft ist, wird möglicherweise schnell ungerecht. Weil er oder sie anfängt, Territorien zu verteidigen. Das schreibt Monika Maron nicht. Das lese ich aus ihrem Buch „Munin“, und es gibt mir ganz schön was zu denken.

Deshalb bin ich aus allen Wolken gefallen, als ich von den Vorwürfen, Monika Maron liebäugele mit rechten Tendenzen, gehört habe, Rausschmiss inbegriffen. Ich habe nach „Munin“ keinen weiteren Text von ihr gelesen. Und ich weiß, dass man schnell im Denken (noch schneller im Fühlen) die Richtung wechseln kann. Aber mir fällt es sehr schwer, den Vorwürfen Glauben zu schenken. Ich will hier nicht unbedingt eine Diskussion eröffnen, es würde mich trotzdem interessieren, ob Ihr eine Meinung habt – oder mehr oder etwas anders wisst.

P.S. Ich merke schon jetzt, nach ein, zwei Stunden, wie schwierig es ist, darüber im Blog zu diskutieren. Es ist so komplex, ich antworte dann nur an einem Faden entlang, und das greift sofort zu kurz. Also vielleicht einfach nur Eure Kommentare. Ich halte mich mal zurück.

Filed under: Allgemein

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 6

  1. Lena Riess 25. Oktober 2020

    Wenn ich es richtig verstanden habe, begründet der Verlag den Rauswurf mit dem Umfeld der Autorin, nicht mit Frau Marons Texten. Kann ich über diese Entscheidung unentschieden sein? Ja. Ich habe Bücher von ihr gelesen, aber zu wenig, die letzten gar nicht. Ich sehe auch die Tradition des Verlags. Sehr unglücklich das alles.

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    • Stephanie Jaeckel 25. Oktober 2020

      Genau darum geht es mir nicht. Die Autorin wird – der Rausschmiss ist nur der aktuell letzte Akt – seit Jahren als „rechts“ – sagen wir mal – „infiziert“ kommentiert, interpretiert, dargestellt. Dem bin ich als Leserin auf der Spur. Die Entscheidung des Verlags ist mir hier nur Anlass, nicht Gegenstand.

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  2. wolkenbeobachterin 26. Oktober 2020

    hallo stephanie, ich habe gerade mal nachgelesen – im wikiartikel heißt es, sie habe sich kritisch über die regierung merkel geäußert, über die politische diskussion und einen eingeschränkten diskurs in deutschland hinsichtlich der kritik am islam.
    so beschrieben, sagt mir das gar nichts, ich denke, da müßte man weiter lesen. wenn der verlag nach 40 jahren den vertrag kündigt, denke ich, muss etwas vorgefallen sein. die frage ist nur was. und was genau sie geäußert hat.
    ich schätze sie sehr als erzählerin und buchschreiberin, ihre bücher finde ich sehr bildhaft und gut erzählt. das letzte buch, das ich von ihr gelesen habe, war das von 2007.
    ich denke, es ist notwendig, sich eingehender mit den vorwürfen zu befassen. auch bei mir ist zumindest eine irritation da über diese vorwürfe und die entscheidung des verlages. gibt es von deren seite denn keine nähere erklärung? oder von ihr selbst? ich sehe schon, das braucht noch etwas recherche.
    lg, m.

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