Nostalgie

wäre noch die harmloseste Deutung, wenn man die neugestaltete Mitte Berlins – von weit weg kommend – deuten wollte. Eine Vision, die in eine Vergangenheit weist, statt – wir reden von einer Hauptstadt – nach vorne zu schauen, einen Stadtraum zu bauen, der den heutigen Bedürfnissen entspricht, und Möglichkeiten für die Zukunft öffnet. Wenn dazu noch das koloniale Kulturerbe in der haargenauen Rekonstruktion eines Hohenzollernschlosses gezeigt wird, läuft im Grunde ein Fass über. Oder explodiert vor lauter verpeilter historischer Bezüge.

Dass es auch anders geht, zeigt die Zentral- und Landesbibliothek Berlin in der Breite Straße. Von Protz keine Spur. Im Gegenteil: Hier wird eine eher karge Bibliothek mit verhältnismäßig wenig Mitteln zu einem Ort gemacht, an dem gelesen, gearbeitet, diskutiert wird. Hier schlafen Menschen, die vermutlich kein Obdach haben neben Leuten, die noch einen Kaffee trinken, bevor sie nach Hause fahren, die Zeitung lesen, Hausaufgaben machen, studieren. Oder sich mit Freunden und Freundinnen unterhalten. Die Räumlichkeiten sind nicht besonders repräsentativ, laden aber zum Verweilen ein. Offenheit wird hier angeboten, ich kann kommen, dasein, machen, was ich machen will, solange ich niemanden belästige.

Natürlich hinkt der Vergleich. Dennoch sind Bibliotheken und Museen nicht so weit voneinander entfernt, was ihr Angebot für die Nutzung durch ein – mehr oder weniger zahlendes – Publikum angeht. Halböffentliche Räume, die Begegnung oder zumindest ein freundliches, entspanntes Mit- oder meinetwegen Nebeneinander ermöglichen. Räume, die Zugang zu Wissen bieten, Räume auch, die Menschen, die keine oder wenig persönliche Ressourcen haben (Arbeitsräume, Netzzugang, Computer), Gelegenheit zu Bildung, Forschung und Beteiligung öffnen. Wir sollten das im Kopf behalten. Kultur ist kein Luxus. Wo Kultur Sache von Wenigen ist, gibt es schneller Konflikte als Han Solo schießen kann.

Wenn ich ehrlich bin. Ich hätte heute heulen können, als ich das „Schloss“ im fast fertigen Zustand gesehen habe. Ich halte es für einen großen Irrtum, und schlimmer, für ein Zeichen, das in die falsche Richtung weist. Und auch, wenn es wirklich ein hinkender Vergleich ist: die Zentral- und Landesbibliothek ist dagegen (und kaum mehr als einen Steinwurf entfernt) ein Hoffnungsschimmer. Immerhin…

Filed under: Allgemein

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

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