In Würde sterben

Was bedeutet das eigentlich? Dachte ich gestern, als ich im Bonner Naturkundemuseum König in der Präparatorenwerkstatt war. Es herrscht dort eine ganz eigene, ungewöhnliche Atmosphäre. Es gibt riesige Fenster zum Norden hin, genau wie in anderen Restaurierungswerkstätten oder in Künstlerateliers. Feierlich, ernst lagen die Tiere auf den Tischen, um für ihre neue Aufgabe zurechtgemacht zu werden. „Den Niedergang zu dokumentieren“ – wie Naturwissenschaftler ihre Arbeit mittlerweile schon nennen.

Wer stirbt, wird meist schnell weggeräumt. Dafür gibt es (gute) Gründe. Natürlich werden tote Tiere in der Natur auch schnell weggefressen. Einen so ruhigen Ort wie die Präparatorenwerkstatt gibt es selten. Dennoch frage ich mich, was die Würde des Sterben und auch die Würde des Todes wieder klarer zum Vorschein bringen könnte. Wir haben sicher nicht zu Unrecht eine Scheu vor dem Tot und den gerade Gestorbenen. Aber die jahrzehntelange Praxis, alles Tote sofort zu entsorgen, verändert unseren Blick auf die Welt. Vielleicht kommt daher auch die Frage heutiger Kinder – eine Freundin berichtete mir neulich davon – wieso sich Menschen im Alten Ägypten überhaupt drüber Gedanken gemacht hätten, was mit den Toten passiert. Klar. Wo es keine Toten mehr gibt, kann man sich wahrscheinlich nicht vorstellen, dass sich die Frage überhaupt stellt.

Als ich die toten Vögel und Mäuse auf den Werkstatt-Tischen sah, fand ich auf eine Art etwas Vollendetes: Ein ganzes gelebtes Leben. Es hat eine große Schönheit. Und auch versehrte Tote haben wahrscheinlich die daraus resultierende Würde. Ob es das ist? Oder bin ich an dieser Stelle zu romantisch?

 

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

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