Fake

Fake ist keine Lüge. Sondern etwas jenseits der Wahrheit. Eine Aussage, die es mit der Realität nicht so genau nimmt. Sondern ein eigenes Universum schafft. So hat meine Freundin Sieglinde neulich im Deutschlandradio die Fake-News charakterisiert. Aber es gibt nicht nur gefälschte Nachrichten. Auch im ganzen übrigen Leben wird mit Fakes gearbeitet. Wie hier, in der Inneneinrichtung.

Mir stellen sich die Haare hoch. Zugegeben: Wer nicht Kunstgeschichte studiert hat, mag mit den Achseln zucken. Was soll hier falsch sein? Und vor allem: Ist das wirklich so schlimm?

Um es vorweg zu nehmen. Ja. Es ist so schlimm. Und: Nein. Es ist nicht überheblich. Nicht marginal. Nicht aus dem Elfenbeinturm heraus argumentiert. Es geht nicht. Für niemanden. Und wer das erst verstehen muss, ist keineswegs dumm. Auch so genannte Intellektuelle müssen jeden Tag Neues lernen. Und sich nicht zu fein dafür sein, Unwissen zuzugeben.

Worum es überhaupt geht. Um das ausladende Bild an der Wand. Es ist eine Kopie. Für mich kein Problem. Der eigentliche Skandal liegt in der stillschweigenden Veränderung des Originals. Denn das war keineswegs wandfüllend. Sondern höchstens – sagen wir mal – 80 auf 65 Zentimeter. Der Maler lebte in den Niederlanden des 17. Jahrhunderts. Damals wurden solche Blumenbilder noch auf Holztafeln gemalt. Eine komplexe Technik war dafür nötig, Blumenmaler galten, wie andere Künstler, als Spezialisten in ihrem Metier. Ein Stillleben wiederum, wie diese Bilder von arrangierten Gegenständen, Blumen oder Lebensmittel heißen, hatten eine versteckte Botschaft. So schön, appetitlich und kunstvoll die Dinge des Alltags und die Luxussachen auch drapiert und gemalt waren: In allem steckte Vergänglichkeit und letzten Endes der Tod. Keine große Erkenntnis. Eher eine Banalität. Aber eine beklemmende. Dass die Bilder nicht riesig waren, verstärkte ihren Appellcharakter. Hier wird nichts heraus geschrieen. Es wird eher so nebenbei erwähnt: Wisse Mensch, Staub bist Du und zu Staub wirst Du zurückkehren. Hier liegt der Kern dieser Bilder. Nicht im Motiv. Und deshalb lässt sich ein solches Bild nicht über seine originalen Maße hinaus aufblasen. Es tötet die Intension. Es macht ein Zombie aus einem Kunstwerk, indem es seine Seele tötet. Und noch einmal. Ich halte das nicht für ein Luxusproblem. Die Welt ist so, wie sie ist. Wir tun uns keinen Gefallen, sie nach unserem Gusto zu verändern.

Das Foto stammt aus dem Internet.

 

 

 

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 9

  1. mannigfaltiges 16. Februar 2017

    Warum sollen wir die Welt nicht nach unserem Gusto verändern? Die Welt ist doch so wie sie ist nur durch das stetige rumschrauben und verändern in und an ihr.
    Unabhängig davon hast du in diesem speziellen Falle recht, es ist einfach schrecklich. Allerdings vermute ich eine Fotomontage dahinter. Irgendein Banause hat irgendein gemeinfreies buntes Gemäldephoto genommen und es – ohne groß nachzudenken – in eine Maske hineinkopiert. Normalerweise wird doch für sowas gerne abstrakte Kunst genommen, aber da hat man immer das Geschiss mit dem ©.

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    • Stephanie Jaeckel 16. Februar 2017

      Ja, von dem stetigen Rumschrauben habe ich eckig genug. Es gibt andere Lebewesen auf der Erde, die freundlich genug sind, uns den Schraubenzieher nicht aus der Hand zu reißen. Aber sie hätten gute Gründe… Nein, im Ernst, ich denke es geht weiter als in dem einen oder dem andere Fall. Bei Kunst gibt es zum Beispiel so etwas wie ein Urheberrecht. Künstlerische Eigentum. Gut, es kann uns egal sein, dem Künstler sowieso. Er ist hunderte Jahre tot. Aber wir können eben auch Respekt bewahren. Es gibt schließlich tausend Möglichkeiten, eine großformatige Leinwand mit Blumen zu füllen. – Das Foto habe ich auf einer Seite von Anbietern von Kunstdrucken gesehen. Ist wahrscheinlich genauso gemacht, wie Du vermutest, aber die Idee dahinter ist schon, dass sich das jemand so kauft.

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      • mannigfaltiges 16. Februar 2017

        Du hast ja recht. Aber wo ist die Grenze? Was geziemt sich und ab wann geht irgendwas nicht mehr? Ich denke da jetzt an die zig-tausendfachen Reproduktion in allen Größen, auf Tassen, Tellern und auf wasweißichwosonstnoch von allen möglichen Kunstwerken. Ist doch ein Riesengeschäft. Nur noch Originale? Mit dem Originalrahmen?

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  2. Stephanie Jaeckel 16. Februar 2017

    Ich weiß aus dem Ärmel geschüttelt auch nicht, wo die Grenzen sind. Aber ich würde mich sehr dafür einsetzen, dass diejenigen, die solche Grenzgänge unternehmen, sich diese Frage zumindest stellen. Bei Tassen und Tellern und T-Shirts ist zumindest klar, jedenfalls bei den meisten Motiven, dass sie von woanders kommen. Insofern erkennt man dort die Transformation und kann das mögen oder kitschig finden (oder beides). Reproduktionen, das habe ich ja schon geschrieben, sind für mich nicht das Problem. Aber diese Kommentarlosigkeit schon. Und vielleicht, wo wir schon dabei sind, die Idee, dass eben alles was möglich ist auch getan werden kann.

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  3. flowerywallpaper 16. Februar 2017

    Gratuliere über deine Worte – genaues Hinsehen. Ich lebe so. Aber wann wird so eine Einstellung weitergegeben? In der Schule? Im Elternhaus? Das fängt schon beim Lebensmitteleinkauf an, bei Überproduktion von Lebensmittel, bei Ausbeutung der Landschaft von Bodenschätzen und Tourismus. Da ist der Kulturkonsument genauso verführt. (Bildkopien im Einrichtungshaus). Respekt von Geschaffenen? Schön, wenn es Leute gibt die so denken wie du. Schönen Abend aus dem Gebirge.

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    • Stephanie Jaeckel 16. Februar 2017

      Es wird möglicherweise nicht weitergegeben. Es wächst aus den eigenen Erfahrungen. Klar, ich versuche natürlich, Menschen, die mir wichtig sind, oder eben gelegentlich auch ein anonymeres Publikum auf dieses oder jenes aufmerksam zu machen. Aber es bleibt in der Verantwortung jedes Einzelnen. Da dürfen wir uns keine Illusionen machen (denke ich zumindest). Dir auch einen schönen Feierabend!

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