Nein, in meiner Kindheit wussten wir nichts von diesen kleinen pelzigen Tieren aus Afrika. Ich kannte nur Kalle Wirsch, den König der Erdmännchen, der durch böse Intrigen in einen Gartenzwerg eingetöpfert worden war und von zwei Menschenkindern wieder befreit wurde. Hiiii-Käckäckäck klingt es, wenn der kleine Monarch zornig wird, und das geht schnell, keiner heißt umsonst Wirsch mit Nachnamen.
„Kleiner König Kalle Wirsch“ war DAS Buch meiner Kindheit. Keine Ahnung, wie meine Eltern dazu kamen. Sie selber lasen nie, dass Tilde Michels eine schon damals bekannte Kinderbuchautorin war, konnten sie gar nicht wissen. Vielleicht waren es die Eltern anderer Kinder, die den Tipp gaben. Ich weiß noch, dass ich abends mit dem Buch ins Bett ging, so sehr war ich davon begeistert. Und nach kürzester Zeit war so ziemlich jeder Satz unterstrichen, in buntesten Farben. Je nachdem, wer da sprach oder was wichtig oder unbedingt zu merken war.
Ich habe das Buch neulich noch einmal gekauft – mein altes Exemplar ist leider verschwunden. Und es hat mir noch einmal gefallen. Kalle ist wirklich toll schlecht gelaunt. Aber die Kinder, die ihm in sein Erdmännchenreich folgen, können sich ganz gut mit seiner Miesepetrigkeit arrangieren. Er fasziniert sie. Und er zeigt ihnen Dinge, die für Menschenhirne, wie er sich sicher ist, viel zu abgefahren sind.
Wer mit erwachsenen Augen liest, merkt dass Tilde Michels so einiges für die Kinder in petto hat: Dinge, die in der Erwachsenenwelt tatsächlich nicht so gut laufen und die aus der Erdmännchenperspektive völlig dämlich sind: Erdteile zum Beispiel: „Wir Unterirdischen teilen die Erde nicht auf. Für uns ist sie ganz und alles hängt zusammen. Erdteile kommen aus den Köpfen der Menschen.“ (Ach ja, das hätte so auch Alexander von Humboldt sagen können, aber damit wir uns nicht missverstehen, ich halte Humboldt nicht für ein Erdmännchen).
Als die Geschwister mit Hilfe einer Zauberwurzel auf Erdmännchengröße schrumpfen und mit Kalle in einem Erdloch verschwinden, geht die eigentliche Geschichte erst los. Und es wird eine abenteuerliche Reise, denn Kalle wird von seinem Widersacher Zoppo wo es nur geht aufgehalten. Doch können alle Hinterhalte mit mehr oder weniger Mühe überwunden werden, Kalle erreicht sein Ziel im rechten Moment und hier gilt es, im Zweikampf um die Königswürde gegen Zoppo zu bestehen. Nein, wer da wie und warum siegt, verrate ich nicht. Aber was mich neben dem schlecht gelaunten Kalle damals völlig begeisterte, war die Tatsache, dass die Geschwister für das Abenteuer verdoppelt wurden. Hier lagen sie brav in ihren Betten, um am nächsten Morgen wieder zur Schule zu gehen, dort waren sie in dunklen Erdlöchern unterwegs. Es ist ein Trick mit zerbrochenen Schiefertäfelchen. Dazu gibt es den Zauberspruch: „Was vereint war, wird gespalten, durch Gewalten nicht gehalten. Achtung! Schlüpft in zwei Gestalten.“ Ich kann mir nicht helfen, ich denke, das hätte auch Goethe schreiben können (hiii-käckäckäck…) Pffff. Egal. Und: Tolles Buch!

mannigfaltiges 25. August 2016
Anfang der 70iger Jahre (des vorigen Jahrhunderts) hatte die Augsburger Puppenkiste das Buch in ihrer unnachahmlichen Art mit Marionetten „verfilmt“. Ich kann mich noch gut daran erinnern, die Ausstrahlung im TV war ein richtiger Straßenfeger. Aber das waren ja fast alle Produktionen der Puppenkiste zu jener Zeit. Einer meiner Freunde, natürlich mit Namen Karl, hieß dann für längere Zeit Kalle Wirsch, nicht unbedingt unpassend. Leider habe ich das Buch nie gelesen.
LikeGefällt 1 Person
Stephanie Jaeckel 25. August 2016
Film und Buch, das ist ja auch so ein Thema. Vielleicht solltest Du bei Deiner Erinnerung bleiben – ist ja nicht so, als gäbe es nicht genug Bücher… Ich wiederum habe die Puppenkiste nicht gesehen… – und halte es ebenso.
LikeGefällt 1 Person