Pünktlichkeit

Für einen Beitrag über Pünktlichkeit habe ich auch Bekannte und Freundinnen interviewt. Ich wollte der Sache auf die Spur kommen, weil es so ein heikles Thema ist. Um ehrlich zu sein, bin ich heute nicht wesentlich schlauer – aber zumindest weitgehend pünktlich. Dass das Erscheinen zum verabredeten Zeitpunkt eine Tugend der König/innen ist, hat mich überzeugt. Der folgende kurze Ausschnitt stammt aus einem Interview mit einer Freundin, die Pianistin ist und als Dozentin an der Berner Hochschule unterrichtet hat. Sie hatte während ihrer Berufstätigkeit einen Mann und vier Kinder zu Hause, das ist der Hintergrund für die Frage nach möglichen Kollisionen. Ich konnte ihren Beitrag leider nicht verwenden, weil es zu viel Hintergrundgeräusch aus dem Café gab, in dem wir uns damals trafen. Aber mir gefallen ihre Gedankengänge und vor allem ihre Sprache, die hier und da ganz neue Wörter hervorbringt.

„Also, dass ich Zeit messen kann, ohne auf die Uhr zu gucken? – Oh (lacht), ja ich glaube nicht, ich hab‘ ein schlechtes Zeitgefühl. Daran liegt es nicht. – Jetzt habe ich eigentlich schon was verraten… (lacht). Nein, ich glaube, ich habe ein gutes Zeitgefühl. Ich habe vor allem unterschiedliche Zeitgelüste. Ich kann problemlos Zeit verschwenden und ich kann ebenso problemlos viel zu dicke Programme realisieren. Also, ich realisiere eigentlich alles, was ich möchte, ungefähr in der richtigen Zeit, aber ich kann Zeit auch verschwenden, weiß dann aber, dass ich Zeit verschwendet habe und auch ungefähr wie viel. Da gibt’s selten Überraschungen. 

Da fällt mir ein, wenn ich mal eine Uhr zur Reparatur geben musste, dass ich sogleich mir eine ausleihen musste oder den Wecker mitnehmen musste, also die Alarmglocke, wenn ich unterrichtet habe. Weil ich die genauen Unterrichtszeiten nicht einhalten konnte, wenn ich nicht von der Uhr begleitet wurde. Aber das ist vielleicht ein anderes Problem, weil man im Unterricht immer zuerst überschwemmt wird von allem, was man eigentlich tun müsste. Meine Unterrichtstage waren begrenzt. Wenn ich unterrichtet habe, hatte ich nichts mit der Familie zu tun. Ich war im Konservatorium, das dann später Hochschule geheißen hat und in der Musikschule. Da war die Kollision eigentlich kein Problem. Das einzige Problem war eine gewisse Atemlosigkeit, ich habe meinen Unterricht auf zwei Tage konzentriert, und da habe ich vom Morgen bis zum Abend unterrichtet. Nicht ohne Pause, aber doch sind viele Schüler/innen und Student/innen hintereinander zu mir gekommen, das gibt schon eine Drucksituation. Weil, man muss mit einer Schülerin oder einem Schüler abschließen können, weil der nächste schon wartet. 

Schüler/innen kommen selten zu spät. Mein Pünktlichkeitsproblem hatte ich immer am Morgen. Da bin ich vielleicht zehn Minuten zu spät eingetrudelt, einfach weil ich am Morgen ein bisschen Zeitluxus haben wollte, und mich dann sogleich versehen habe mit der Zeit. Ich denke, zu spät kommen hat ja auch damit zu tun, dass man nur ans Ziel denkt, und dass der Weg so verschwindend – den möchte man eigentlich gar nicht so berücksichtigen.“

 

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 11

  1. mannigfaltiges 27. Januar 2016

    Das Photo!
    Zuerst dachte ich, ich bin es.
    Das Alter könnte passen.
    Aber der ist ja viel schlanker.
    Aber die Haltung.
    So ganz ich.
    Wieder mal wartend
    Auf die Frau.

    Ich habe keine Uhr „am Mann“
    Ich war noch niemals zu spät.
    Lüge.
    Einmal.
    Habe ich verschlafen.
    Der Wecker läutete nicht.
    Warum?
    Weiß ich nicht.
    Egal.

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    • Stephanie Jaeckel 27. Januar 2016

      Solange du nicht „die Frauen“ schreibst… – und jetzt weiß ich also auch, wie du so ungefähr aussiehst. Dass der Typ tatsächlich auch noch so prominent die Uhr in die Sonne hält! Ich hätte es nicht besser treffen können, dabei konnte ich damals, vor fast schon wieder fünf Jahren, nicht ahnen, dass er mal einen Pünktlichkeitstext illustrieren würde…

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  2. Michael H. Gerloff 28. Januar 2016

    Ein schönes Thema, bei dem es für mich neulich eine erfreuliche Erkenntnis gab. Ich mag (meine) Pünktlichkeit, auch als Zeichen der Wertschätzung der anderen Menschen. Gleichzeitig finde ich es normalerweise unproblematisch, wenn jemand sich verspätet (und Bescheid gibt).

    Dagegen hat mich zuletzt das chronische Zuspätsein bei privaten Treffen doch sehr gestört; auch, weil da dann ein „Ah, mich kann mal also warten lassen“ am Ego kratzte. So wartete ich also im Kaffeehaus, die erste SMS mit „wird 20 Min. später, nicht böse sein!“ trudelte ein; und ich merke, daß mich an der Situation besonders störte, daß ich die Bedienung immer mit einem „Ich würde gern erst gleich bestellen, ich warte noch auf jemand“ vertröste. Und da kam dann die für viele vielleicht simple Einsicht: „Ich bestelle jetzt einfach und genieße die Zeit für mich“. Lektüre hatte ich dabei, Kaffee und Kuchen waren gut, und ich habe es dann einfach mal als Entspannungsmoment genutzt.

    Das „Morgen-Luxus-Problem“ der Pianistin kenne ich auch, was mich irgendwann dazu gebracht hat, möglichst keine Termine vor 10 Uhr zu machen. Bis dahin bin ich gern im In-die-Welt-finden-Modus 🙂

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    • Stephanie Jaeckel 28. Januar 2016

      Ja, Zeit hat auch mit Macht zu tun, deshalb das Zitat mit den König/innen. Wer jemanden warten lässt, zwingt den- oder diejenigen, ihre Zeit umzudefinieren, weil ja ein Treffen und kein Warten vereinbart war. Glücklich ist, wer das kann. Auch, weil es beim Thema Pünktlichkeit durchaus kulturelle, wahrscheinlich sogar schon regionale Unterschiede gibt. Ich mache die Erfahrung, dass es mir von Mensch zu Mensch anders geht. Bei manchen bekomme ich schon nach fünf Minuten einen Anfall, bei anderen kann ich länger warten, ohne gleich in die Luft zu gehen. Ich mache mittlerweile beides: darauf hinweisen, dass ich nicht gerne warte, dann aber auch umzuschalten während des Wartens, und die Zeit, wie Du es beschrieben hast, für mich zu nutzen.

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  3. Stephanie Jaeckel 28. Januar 2016

    Das Ausblenden des Weges/Unterwegsseins? Ja. Komischerweise fühle ich mich oft viel besser, wenn ich früher losgehe und den Weg mit in den Termin mit einbeziehe. Nicht, weil ich mir dann mehr Zeit gebe, sondern weil der Weg dann mit dem Ziel verknüpft ist (huch, ist das jetzt verständlich?).

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