Proust für alle,

dachte ich kurz, lachte und freute mich, dass jemand das Unternehmen gewagt hat, der Erinnerung in die eigene Kindheit zu folgen. Paul Austern neues Buch „Bericht aus dem Inneren“ ist das Ergebnis dieses Versuchs, und es hat mich bereits in seinen Bann gezogen, obwohl ich mit meiner Lektüre erst auf Seite 36 bin.

Wieso Proust (und wieso auch wieder nicht) und wieso „für alle“ – ist schnell erklärt und macht für mich einen wichtigen Teil der Faszination für diesen Text aus. Proust zum einen, weil Auster sich wie damals Proust bei seiner Recherche in die Vergangenheit auf die wichtigsten – dabei schnell übersehenen – Verbindungskanäle verlässt: Die fünf Sinne, die längst vergessene Momente in Gerüchen, im Regen auf der Haut oder einem Geräusch im Ohr, usf. wiederaufleben lassen. Proust auch, weil Auster ausdrücklich von damals als verlorener Zeit spricht. Anders als der Pariser Romancier jedoch ist Auster sich der kindlichen Denkmuster bewusst, die er als Erwachsener beibehalten hat. Und die ihn ihrerseits auf die Fährte frühster Erlebnisse führen.

Proust – und damit komme ich auch schon zu dem „für alle“ – war sich seinerseits bewusst, ein mondänes Leben zu beschreiben, einen nach dem Ersten Weltkrieg endgültig untergegangenen Lifestyle. Auster will auf das Gegenteil hinaus, auch wenn es sich für ihn vor der Hand auch um etwas unwiederbringlich vergangenes handelt. In seinem Focus steht nicht die vergangene Zeit eines Amerika in den 1950er Jahren, es ist die verlorene kindliche Welt, die er erkundet und die, das zeigt sich sehr schnell, viel Gemeinsamkeiten anzubieten hat. Kindliches Denken, das ist sein Feld, und darin erkenne ich mich schnell wieder, auch wenn ich später und auf einem anderen Kontinent geboren und aufgewachsen bin:

Die hungernden Kinder in Indien, diese Regel für alles Bitte und Danke zu sagen, Vogelgesang, Zeichentrickfilme, das Spielen im Garten, die niedlichen Eichhörnchen, das Licht ausmachen, wenn man aus dem Zimmer geht, nicht lügen, vor dem Schlafengehen die Zähne putzen, das Fernsehen für bare Münze nehmen, die Sterne nicht denken können, sich schon groß fühlen, wenn man die Schuhe selber zubinden kann, Gott als einen fürchten, der wirklich alles sieht, phantastische „Verhörer“ (wer noch nicht schreiben kann). Auster erinnert sich an die „human bean“, die er statt „human being“ verstand und sich äußerst clever zu erklären verstand, ich an die „Leber-Partei“, statt „labor-party“, wobei ich dafür nun wirklich keine Erklärung hatte. Aber genug Großzügigkeit, Erwachsenen so einen Unfug durchgehen zu lassen.

Auster beschränkt sich, und auch das ist anders als in Prousts „Recherche“, auf die ersten zwölf Lebensjahre. Bevor das Denken in erwachsene Bahnen verläuft. Ich bin gespannt, was er noch erzählen wird, denn mir scheint, ich selbst könnte mit meinen Kindheitserinnerungen höchstens 30 Seiten füllen, eher weniger. „In diesen Sätzen kann man sich zu Hause fühlen“ – so wird die begeisterte FAZ auf dem Buchdeckel zitiert. So banal das klingt, mir scheint diese Beobachtung goldrichtig. Und sogar mehr als das: Auster leuchtet auch mir die Kindheit aus. Ich bin sicher, mit der Lektüre eigene Erinnerungen zu bergen und bin damit doppelt neugierig darauf, wie es mit dem Buch und mir weitergeht.

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Avatar von Unbekannt

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Wer die Welt erkennen will, sollte genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingeschaut. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit. Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 3

  1. Avatar von Maren Wulf

    Maren Wulf 23. Juni 2015

    Schön, wirklich schön, Stephanie, und ich vermute, dass es genau so kommen wird: In Gesellschaft von einem, der so geschickt an Erinnerungsfäden zu ziehen versteht, wird es auch dir ganz leicht fallen, an deinen eigenen Fäden zu ziehen oder, wie du schreibst, dir deine Kindheit ausleuchten zu lassen und selbst auszuleuchten. Und wenn du von dem einen oder anderen erzählen magst, finde ich das besonders schön.

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  2. Avatar von Stephanie Jaeckel

    Stephanie Jaeckel 23. Juni 2015

    Anders wahrscheinlich als bei Paul Auster und sicher anders als bei Marcel Proust habe ich noch einen anderen Kanal in meine Kindheit: die kleinen Filme, die mein Vater sehr angelegentlich von mir und meiner Mutter gedreht hat. Also nein, es sind natürlich keine Filme, sondern wir sind es, die durch das Filmmaterial stapfen, gucken und uns wegdrehen. Und was erstaunlich ist: Alles, was einen als sehr kleines Kind noch nicht interessiert, fällt mir als Erwachsene als Erstes ins Auge, aber es gibt auch aus der Kinderperspektive Gegenstände, Spielsachen und Kleider, kratzige Strumpfhosen, etc. an die ich mich haarscharf erinnere. Aber natürlich sind das nur winzige Momente aus einer ganzen Kindheit.

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