Und jetzt?

Ich habe kürzlich bei einer Bloggerin einen Lektüretipp gelesen. Es ging um ein Sachbuch, in dem die Entwicklung der Kunst der Klassischen Moderne chronologisch dargestellt wird. Ein Buch, so las ich, für Menschen, die Angst, Beklemmungen oder Befremden in Museen mit moderner/zeitgenössischer Kunst empfinden. Und ich wurde stutzig. Reicht es tatsächlich, so fragte ich mich, die Entwicklung/Aufeinanderfolge verschiedener Stile, Richtungen, nationaler/internationaler Strömungen zu verstehen, um sagen wir, keine Angst mehr im Museum zu haben? Und ist es überhaupt so schlecht, mal eine ordentliche Angst auszuhalten? Es gibt schließlich nicht alle Tage Kirmes mit Geisterbahnen und Konsorten.

Natürlich habe ich gut reden. Ich bin Kunsthistorikerin. Aber ich kenne dieses mulmige Gefühl, nicht so recht zu wissen, was gerade abgeht. Aus dem Konzertsaal. Die dort meist aufgeführte Klassische oder Neue Musik hat mich oft verunsichert. Bis mir klar wurde, das es – zumindest mir – nichts hilft, zu wissen, ob ein/e Komponistin im 18., 19. oder 20. Jahrhundert seinen oder ihren ersten Geburtstag gefeiert hat oder wann auch immer. Später vielleicht, wenn man sich ein eigenes Koordinatensystem baut, um Vergleiche zu ziehen oder Gegensätze besser fassen zu können. Aber zuerst sind einzig und allein die Ohren dran.

Bei Bildender Kunst ist es ähnlich. Dass im Museum (wie im Konzertsaal) die Uhren anders ticken als im Alltag, weiß eigentlich auch jedes Kind. Muss mich Unkenntnis dort also wirklich befremden, oder könnte sie mich befreien, dahin, die Ausstellungsstücke mit Neugier zu betrachten und den eigenen Neigungen zu folgen? Das ist kein Plädoyer dafür, die Besucher dort abzuholen, wo sie sind. Als wenn man das je wissen könnte. Aber es ist ein Plädoyer für mehr Selbstvertrauen der Gäste. Nicht, um lautstark mal schnell eine Meinung loszulassen. Sondern um sich selbst zu vertrauen, Kunstwerke spannend zu finden oder zu verwerfen. Wer will, kann es gleich am Objekt auf dem Foto versuchen. Es ist Kunst. Das kann ich beschwören. Es steht seit Jahren schon im Garten der Neuen Nationalgalerie. Wer genau schaut, sieht die rechts im Boden eingelassene Plakette, auf der der Name des Künstlers und der Titel des Werks notiert ist. Und? Angst, Spaß, Befremden, Kichern, Schulterzucken…?

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Avatar von Unbekannt

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Wer die Welt erkennen will, sollte genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingeschaut. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit. Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 2

  1. Avatar von Myriade

    Myriade 18. Juni 2015

    Ach wie nett, dass eine Kunsthistorikerin solche Meinungen äußert. Ich habe manchmal immer noch ein schlechtes Gewissen, wenn ich nichts über Maler und Geschichte eines Bildes wissen sondern mir einfach nur das Bild anschauen möchte 🙂

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  2. Avatar von Stephanie Jaeckel

    Stephanie Jaeckel 19. Juni 2015

    Gerade als Kunsthistorikerin habe ich oft genug von der Erwartung, ich könne Kunst „anreichern“ mit Bedeutung etc. Natürlich kann es interessant sein, etwas über die Künstler zu hören, über ihre Absichten oder über Motive, die sie verwenden, Techniken und was noch alles. Und es ist eben oft einem Werk nicht angemessen, bloß seinen Geschmack oder seine Meinung daran zu erproben. Kunst zu „verstehen“ bedeutet dasselbe wie Natur zu „verstehen“: Es bedarf eines gewissen Hintergrundwissens. Doch kein Mensch hat Angst, einen Baum oder ein Erdmännchen zu bewundern. Vielleicht ist es bei Kunst so, dass wir uns davor fürchten, in die Abgründe der menschlichen Seele zu schauen. Aber meist ist es ja doch nur das kleinliche Misstrauen, übers Ohr gehauen zu werden.

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