Laute(r) Fragen

Selbst schuld. Erst hole ich mir Padgett Powells Buch – nein, es ist eindeutig kein Roman – ins Haus „The Interrogative Mood. A Novel? – dann besorge ich mir Sarah Bakewells Montaigne-Biografie, die in zwanzig Antworten auf die Frage „Wie soll ich leben?“ das Leben Montaignes beschreibt. Seitdem wimmelt es in meiner Wohnung von Fragen. Meist unbeantworteten, wie ich lieber gleich gestehe.

Mein erstes Fragenbuch war das von Max Frisch. Gar nicht als Buch konzipiert, sondern Teil seiner Tagebücher aus den Jahren 1966-1971, kam es in den 1970er Jahren eben doch als Buch heraus (dass Frisch die Tagebücher zum Veröffentlichen schrieb, ist unübersehbar, dass Suhrkamp die Idee für eine eigene Publikation hatte – oder wer auch immer – war eindeutig eine beste Idee.) Als Fragebögen konzipiert, nehmen Frischs Fragen einen in die Mangel. Ich möchte wetten, dass ich über die Hälfte nicht beantworten konnte, und bei den meisten, Tage, Wochen und noch mehr Lebenszeit bräuchte, um sie zumindest in Stichworten abzuhandeln. Was mich von der ersten Seite an begeistert hat, welche Sogwirkung die Fragen haben. Frisch mischt sie so geschickt, wobei er sich vorbehält, verschiedene Themen in den verschiedenen Fragebögen abzuhandeln, dass ich zumindest nicht anders konnte, als immer weiter zu lesen. Ich habe gelacht, den Kopf geschüttelt, mich über mich selbst gewundert, die Menschheit im Ganzen und auch über die 60er Jahre, in denen Frisch die Fragen durch den Kopf gingen, denn das zumindest macht eine Lektüre gut 40 Jahre später sichtbar: wie viel Lifestyle sie in sich tragen.

Dass Fragen an sich schon einen ungeheuren Sog auf die Lesenden ausüben, zeigt Rolf Dobellis „Neuauflage“ von Frischs Fragebögen: „Wer bin ich?“ heißt sein Buch, das 2007 erschien und 777 indiskrete (!?) Fragen an die Leser/innen stellt. Denn so ist die Frage nun mal, dass sie sich ans Gegenüber wendet und so geht es in einem solchen Fragenbuch nur um mich, mich, mich. Auch Dobelli ordnete seine Fragen nach Themen, Leben und Freizeit, wenn man grobe Einteilungen schätzt, und auch hier blitzt Lifestyle (und also die gesellschaftliche Dimension) durch.

Powells Buch erschien 2009 und bietet insofern stärkeren Tobak, als es länger ist als die deutschsprachigen Verwandten und sich einen Teufel schert um Reihenfolge bzw. Ordnung. Die Fragen purzeln gerade so, wie sie dem Autor durch den Kopf gehen (haha, macht aber trotzdem den Eindruck) und er kümmert sich nicht um den Grad ihrer Tiefsinnigkeit, will sagen, manche sind mehr als bescheuert. Powell entschuldigt sich deshalb gelegentlich oder fragt vorsichtig, ob man noch weiter lese oder endgültig die Faxen dicke habe. Sein Ansporn war, ein nicht-fiktionales, nicht-wissenschaftliches, etc. Buch zu schreiben, was man trotzdem liest. Das heißt, keine Geschichten, keine Fakten, keine Spekulationen, sondern Bewegung der Gedanken durch Fragen, Selbstprüfung inbegriffen.

Ich hatte mich diebisch auf die Lektüre gefreut, um erst mal enttäuscht zu werden. Für mich bewegte sich auf den ersten Seiten wenig. Mag sein, dass es zu viele Fragen gab, die ich als Europäerin nicht verstand. Dass ich das Gefühl hatte, Powell frage eh nur Männer (macht er die meiste Zeit auch, erschien mir aber ab dem Moment o.k., wo er es selbst kritisch bemerkt) und folge ausdrücklich keinem Plan, so dass ich durch Fragen watete, statt von ihnen irgendwohin gebracht zu werden. Das Erstaunliche: Ich las trotzdem weiter. Mürrisch mit gelegentlichen Lachern, denn die Fragen zeigen ja erst mal auch, wozu Leute so alles eine Meinung haben… Ab der Mitte war ich dann drin und las auch schon mal über die Schlafenszeit. Nicht, dass ich nur annähernd die Hälfte der Fragen beantworten könnte. Bei Wissensfragen waren mir oft schon die Fragen unverständlich. Bei ästhetischen Urteilen musste ich auch passen – nicht nur, weil ich mich nicht entscheiden konnte, sondern weil es mal wieder um ein Feld handelte, auf dem ich auch noch nie unterwegs gewesen bin. Aber es gefiel mir, wie weit die Welt sich auffaltete, und dass es Gott sei Dank so viel mehr gibt, als ich in meinem Kopf bewege. Lustig fand ich auch, wenn er eine Frage ein zweites Mal stellte, in der Hoffnung, man habe die erste Frage schon vergessen. Oder wenn er fragt, wie er die Frage formulieren soll, weil sie ihm nicht einfällt. Oder wenn er eigene Zweifel und Ängste gesteht, eine bevorstehende Krebsuntersuchung ist so ein Thema und die Mega-Frage, wie man denn nun sein Leben leben sollte. Am Anfang wirkt Powells Buch gewollt und manchmal ziemlich albern. Am Ende ist es ein gutes Buch. Und damit durchaus eins, das ich empfehlen möchte.

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Avatar von Unbekannt

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Wer die Welt erkennen will, sollte genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingeschaut. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit. Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 4

  1. Avatar von Ina Stachat

    papiertänzerin 8. Juni 2015

    … witzigerweise habe ich mir die Fragebögen von Max Frisch gerade ausgeliehen. Mich verwirren zu viele Fragen allerdings eher, wie beantwortest du sie dir denn selbst, im Kopf oder schriftlich? Sehr poetische Fragen stellt Pablo Neruda in seinem „Buch der Fragen“…

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  2. Avatar von Stephanie Jaeckel

    Stephanie Jaeckel 9. Juni 2015

    Danke für die Rückmeldungen! Es ist wirklich ein sehr spezielles Vergnügen, Fragebücher zu lesen. Bei der Lektüre beantworte ich die dort gestellten Fragen nicht. Ich denke, ich wäre Jahre beschäftigt. Außerdem ändern sich die Antworten wahrscheinlich schneller, als man vermutet. Ich-sein oder sich darstellen ist ein windiges Feld. Bei Ja/Nein-Antworten treffe ich meist eine schnelle Entscheidung. Sonst überlege ich schon mal (längst nicht immer), in welche Richtung die Antwort laufen würde. Für mich sind die Fragen wie Akupunkturnadeln, die mich irgendwo treffen. Spannend wird es vor allem, wenn weitere Nadeln gesetzt werden. So ist es also, wenn man ein Promi ist und ständig zu Interviews gebeten wird, habe ich auch hier und da gedacht. Aber manchmal gehe ich nur noch in Deckung und habe schon mal gar keine Antwort parat.

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