Als Kind wollte ich unbedingt eins, ein doppeltes Lottchen oder eben einen Zwilling. Als Einzelkind kam mir das fantastisch vor: nicht noch eins sondern ich gleich zweimal. Vier Ohren, vier Augen, vier Hände. Da hätte ich mir besser zu helfen gewusst. Zumindest in meiner Fantasie. Während die eine spielt, kann die andere schon mal Hausaufgaben machen. Oder man ist einfach zusammen schneller. Gegen die Eltern erst recht. Die Vorstellung änderte sich jedoch drastisch, als ich in die Pubertät kam: Zwei von mir? Huch, nee. Da würde ich mir ja dauernd die Schau stehlen. Oder ich hätte das Gefühl, auf der falschen Party zu sein, wenn zum Beispiel mein Zwilling irgendwo anders unterwegs wäre. Als ich schon zum Studium in Berlin war, sprach mich eine Frau an, deren Freundin so aussah wie ich. Natürlich habe ich gelacht. Aber nur solange ich das Foto von dieser Freundin nicht gesehen hatte. Das war zwar kein Zwilling. Allerdings – und das war noch schlimmer – eine Art Doppelgängerin. Ich habe so einen Schreck bekommen, dass ich der Frau, eine Nachbarin, nur noch aus dem Weg gegangen bin. Und wie wäre es jetzt? Würde ich in meiner Schwester die Falten sehen, die ich bei mir nicht erkenne? Oder – noch schlimmer – auf Falten hoffen, die ich noch nicht habe? Wären wir überhaupt Freundinnen auf dem gleichen Kontinent? „Das große Heft“ von Agota Kristóf hat mich auf die Idee gebracht. Dass sich ein Einzelkind zum Durchhalten oft einen Zwilling wünscht. Aus Sicht der Astrologen habe ich als Steinbock mit Zwillingen so meine Probleme. Aber ich wüsste schon gerne, wie es wäre, mit einem Zwilling. Zumal, wenn er ein Junge wäre.

saetzebirgit 2. Juni 2015
Im großen Heft, das wir neulich mal vorgestellt haben, sind das natürlich auch Extremzustände für Kinder. Da könnte ich es mir vorstellen, dass es dann ein Vorteil ist, ein zweites Ich (geteiltes Leid ist halbes Leid) zu haben. Oder wenn man es spielerisch nimmt, wie im doppelten Lottchen. Wobei die Geschichte ja eigentlich einen sehr tragischen Ausgangspunkt hat: Weil es zwei von der Sorte gibt, geht die Trennung für die Eltern leichter – nicht bedenkend, was man auseinanderreißt. Aber anders als in der Literatur fand ich das Zwillingsdasein, das ich im Leben bei solchen Doppelungen beobachtete, für die immer eher etwas mühsam und lästig, v.a. als Teenager: Muss man schon, wenn man Einzel ist, sich eine Identität erkämpfen, wie schwieriger ist es dann, dies in der Abgrenzung gegen ein eineiiges Zweites Ich…
LikeGefällt 1 Person
papiertänzerin 2. Juni 2015
… vielleicht beschreibt die Sehnsucht nach einem Zwilling die Suche nach uns selbst…
LikeGefällt 1 Person
Aikitangera 2. Juni 2015
Von den einzigen Zwillingen, die ich kenne (zwei Jungs), weiß ich: Sie standen als Kinder in Konkurrenz miteinander. Heute als Erwachsene verstehen sie nicht, warum der andere so lebt, wie er lebt. Mehr noch: Sie können sich nicht leiden. Abgrenzung par excellence.
LikeLike
Stephanie Jaeckel 2. Juni 2015
Zwei von einem (zumindest von außen gesehen) ist ein Thema. Und eins, das mich – wie ich schrieb – als Kind so beschäftigte. Heute habe ich mich gefragt, ob man sich als Zwilling besser vorstellen kann. Weil man sein Pendant lebend in Aktion sieht und nicht bloß im Spiegel. – Danke für die Kommentare. Beim „großen Heft“ habe ich die Gedankenschraube sogar noch weiter gedreht, indem ich dachte, dass wir die Geschichte eines Einzelkindes lesen, das sich den Zwilling denkt, um zu überleben. Das soll keine Interpretation sein, war erst mal so eine Idee. Sich selbst zu suchen und vielleicht als Gegenüber leichter lieben zu können? Macht für mich Sinn. Und dass sich Zwillinge nicht leiden können. Ha. Beste Freund/innen haben ja auch oft dieses Thema, sich am Lebensstil des anderen abzuarbeiten bis hin zur kompletten Ablehnung und dem Bruch der Freundschaft. Ist ja vielleicht auch besonders schwer, wenn ich zum Beispiel blöde T-Shirts trage. Obwohl ich mir sicher bin, dass Zwillinge sich eher an ihren Unterschieden erkennen, nicht so sehr an der vordergründigen Ähnlichkeit.
LikeLike