In meinem Elternhaus gab es keine Türschwellen. Anfang der 1960er Jahre waren sie entweder nicht mehr in Mode oder man hielt mehr von Sagrotan und Ata zur Schmutzabwehr, als von einer banalen Barriere. Mittlerweile bewohne ich ein Haus, das Ende des 19. Jahrhunderts gebaut wurde, Schwellen inklusive. Von meinen Zehen hat wohl mittlerweile jeder einzelne die Bekanntschaft gemacht. Trotzdem fehlen sie mir (die Schwellen, nicht die Zehen), wo sie nicht eingebaut sind. Ursprünglich vermutlich als Trennung von sakralen und profanen Bereichen verwendet, galten Türschwellen stets auch als symbolische Übergänge, vom Eigenen ins Fremde, vom Alten ins Neue, vom Diesseits ins Jenseits.
Wie oft, dachte ich kürzlich, habe ich Schwellen übertreten, ganz ohne es zu bemerken. Mich von Menschen verabschiedet, ohne zu wissen, dass ich sie nie wieder sehe, von Orten, von Gewohnheiten, Stimmungen, Vorlieben. Ich denke, wenn ich eine Liste von den Dingen schreiben würde, die sang- und klanglos verschwanden, ich würde Bausteine staunen. Und umgekehrt. Wie oft bin ich in etwas mittlerweile längst vertrautes hineingestolpert, ohne das erste Mal erinnern zu können. Im japanischen Bogensport gilt es als ausgemacht, jede Vor- und Rückwärtsbewegung mit dem linken Fuß zu beginnen. Unsichtbare Schwellen werden überstiegen, wer das vergisst, bekommt einen Punktabzug (wenn auch nur im übertragenen Sinn). Bedacht loszugehen, Schwellen, auch unsichtbare, zu überschreiten, und nicht darüber weg zu huschen, das könnte ja mal einen Versuch wert sein.
Die Türschwelle auf dem Foto ist kaum zu sehen, eher zu erahnen unter der geschlossenen Tür.

Maren Wulf 9. Mai 2015
Ganz kurz nur verweilte sie, murmelte: ein schöner Beitrag. Dann schritt sie über die Schwelle, die kaum zu sehen war und ging, um zu sehen, was dahinter war.
LikeLike
papiertänzerin 9. Mai 2015
… schöne Schwellengedanken…
LikeLike
Stephanie Jaeckel 9. Mai 2015
Und schöne Schwellenkommentare!
LikeLike