Über das E-Book-Projekt „1000 Tode schreiben“ des Berliner Frohmann-Verlags habe ich bei einer Bloggerin gelesen. Erst hat mich die Sache nicht interessiert, aber dann rumorte der Text immer lauter in mir. Jetzt bin ich froh, eine Gelegenheit gefunden zu haben, über das Sterben meiner Mutter zu schreiben.
Lange dachte ich vom Tod als einem, der kommt und dich holt. Dass er kommen und bleiben könnte, hatte ich nicht erwartet. Reißt er seine Beute nicht aus dem Leben? Sogar die, die „sanft entschliefen“ blieben meist bis zum Schluss ohne Ahnung, so wie mein Freund Emanuel, der an einem späten Feierabend ins Hotelbett stieg und nie wieder erwachte. Auch dachte ich den Tod als Feind. Wahrscheinlich, weil ich Tod, töten, morden in Eins verwechselte. Der Tod als Mörder, das war mein Bild. Nun aber sitzt er schon seit Jahren auf den Schultern meiner Mutter. Nicht, dass ich ihn sofort gesehen hätte. Zu sehr konzentrierte ich mich auf meine Mutter und ihre neuen Seltsamkeiten. Zunächst verwandelte sie sich binnen kürzester Zeit in ihre eigene Mutter. Es schien, als übernehme sie deren Platz, kaum dass meine Großmutter gestorben war. Mit Platz meine ich: Frisur, Gesten, gebückte Haltung, leises Summen, dazu ein gewaltiger Gewichtsverlust. Mir tat mein Vater leid, der plötzlich seine Schwiegermutter im Haus hatte. Ich fand die Verwandlung obszön, hielt Abstand. Dann wurde meine Mutter blasser. Fast nicht mehr zu unterscheiden in manchen Momenten von dem Sofa, auf dem sie vor dem Fernseher lag. Sie rief selten an, gelegentlich legte sie auf mitten im Gespräch. Auf eine Art war sie mir lästig. Als sie die Alzheimer-Diagnose hatte, wurde sie wieder sie selbst. Sie schüttelte sich, als wolle sie den Tod, der sich um ihren Nacken schlang, wieder loswerden. Sie rannte, rannte weg, verirrte sich, sprang vom Dach, ohne sich auch nur einen Knochen zu brechen. Sie lief gegen Autos, durch den Wald, nachts einmal auf und davon. Vor Fragen hatte sie immer größere Angst. Wir übrigens auch. Dennoch versuchte sie nichts festzuhalten. Weder Antworten noch Erinnerungen. Sie wehrte sich hier, um dort loszulassen. In hellen Momenten war sie fast wieder ganz die alte. Bis heute träume ich, dass alles nur ein Traum war. Kein umgekehrter Alptraum, der einem beim Erwachen die Last seines Grauens auf die Brust drückt. Eher ein schöner Traum, die Gelegenheit, noch einmal mit meiner Mutter zu sprechen – ihre Stimme zu hören. Als sie Gespenster und Menschen nicht mehr auseinander halten konnte und alle mit derselben Wucht attackierte, kam sie ins Heim. Sie lächelte, lief weiterhin weg, schlug aber kaum mehr. Eine Weile noch klagte sie, dann beschränkte sie sich aufs pure Dasein im Hier und Jetzt. Sie nahm ab und wieder zu, stürzte sich Löcher in den Kopf. Der Tod auf ihren Schultern verwob sich in ihr Gesicht. Neulich erst brach er ihr die letzten Zähne aus dem Mund. Wenn sie schläft, könnte sie schon gestorben sein. Ein altes Dornröschen, meine Mutter. Ohne Gesten, ohne Sprache, aber keineswegs ohne eigenen Willen. Mit einem starken Herz. Wer es sehen kann: Sie tanzt mit ihrem Tod. Und es ist keineswegs ausgemacht, wie dieser Tanz endet. Mit einem Sturz, um Luft ringend oder still im Bett. Der Tod kommt und holt dich. Wenn du Glück hast. Wenn es arg kommt. Manchmal läßt er sich Zeit.

Simmis Mama 19. März 2015
Traurig. Es tut mir leid.
Mein Opa ist gerade gestorben. Er war fast zehn Jahre mit so was ähnlichem wie Alzheimer im Heim.
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juttareichelt 20. März 2015
Viele meiner eigenen – ganz widersprüchlichen Gedanken und Erfahrungen mit dem Tod, dem Sterben, finde ich in diesem Text – und erfreue mich an seinem Schwung, seiner Lebendigkeit! Herzliche Grüße!
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Maren Wulf 20. März 2015
Ein Text, der (mich) tief berührt.
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papiertänzerin 20. März 2015
… danke für diesen ehrlichen, starken, poetischen, Text. Mit dem Tod tanzen, dieses Bild nehme ich mit. Seit dem Tod meiner kleinen Tochter habe ich weniger Angst vor dem Tod, aber um so größere Angst vor dem Abschied.
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Stephanie Jaeckel 20. März 2015
Danke Euch für die persönlichen Kommentare. Traurigkeit – und das macht mich natürlich stutzig – habe ich bislang noch nicht verspürt. Alzheimer ist eine Krankheit, die empört und einen gleichzeitig extrem fordert, weil sie ein Tabu in unserer Gesellschaft ist, vielleicht so groß wie seinerzeit Aids. Der Tod hat tatsächlich für mich ein Gesicht bekommen. Was auch heißt, dass ich ihn gelegentlich in anderen Gesichtern sehe. Schwung ja, ein Tanz eben. Und eine ungeheure Vitalität, die er fordert.
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