Ein Blick in den Spiegel

Gerade hatte ich das Buch „L’amant“ von Marguerite Duras wieder aufgeschlagen, als mich von der ersten Seite ein Thema ansprang, das ich ansonsten gerne vermeide.

„Sehr früh in meinem Leben war es (schon) zu spät.“ So fängt der dritte Absatz an, und es geht weiter damit, wie Marguerite Duras unerbittlich das frühe eigene Altern beschreibt. „Zwischen 18 und 25 Jahren verschwand mein Gesicht in eine unerwartete Richtung. Mit 18 bin ich gealtert. (…) Dieses Altern war brutal. Ich habe gesehen, wie es meine Züge einen nach dem anderen erreichte, ihre Balance untereinander zerstörte, die Augen größer machte, den Blick trauriger, den Mund schärfer (…). Dieses neue Gesicht habe ich behalten. Es war mein Gesicht. (…)“

Ich halte die Luft an, je weiter ich in dieser Passage vorankomme – denn es stimmt alles genau, wer Fotos der jungen Marguerite sieht, weiß, was sie meint. Und: kein Lamento. Sie beobachtet sich selbst, sieht von da an ihr neues Gesicht weiter altern, sieht die Falten, die es durchziehen, seine Substanz, die zerstört wird. Und wechselt von dieser Selbstbetrachtung unvermittelt in die Vergangenheit, um mit der Geschichte ihres chinesischen Liebhabers zu beginnen. Ich bin weit über 18. Mein Gesicht verändert sich. Ich könnte diese Veränderung zur Kenntnis nehmen, und eine andere Geschichte erzählen.

Die Übersetzung der Passage von Marguerite Duras ist nicht autorisiert und leider auch nur schnell hingepfuscht.

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Wer die Welt erkennen will, sollte genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingeschaut. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit. Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 2

  1. Avatar von muetzenfalterin

    muetzenfalterin 8. Februar 2015

    Ja, das ist ein Punkt, der mich unendlich anzieht und fasziniert an M.D., dass sie nie klagt, nie lamentiert, sie stellt fest, sie erinnert sich, aber sie wertet nicht, sie beklagt sich nicht über das, was nicht ist, aber sein sollte. In dieser Beziehung ist sie Karl Ove Knausgard sehr ähnlich, in dieser rücksichtslosen Aufrichtigkeit. Dafür liebe ich sie. Egal, wie pathetisch das klingen mag.

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  2. Avatar von Stephanie Jaeckel

    Stephanie Jaeckel 9. Februar 2015

    In Gedanken bin ich immer noch bei dem Thema „Vorbilder“. Und auch, wenn ich Marguerite Duras nicht als Vorbild für eine bestimmte Tätigkeit sehe, erkenne ich in ihrem Leben, so selbstzerstörerisch es auch war, viel, was mich beeindruckt. Wahrscheinlich besonders dieses sich frei halten von Konvention. Ein Vorbild zu lieben, ist nicht pathetisch, würde ich aus dieser Perspektive sagen. Liebe ist geradezu die Voraussetzung für’s Nachleben.

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