Schreibend die Welt erkunden

Meine Generation hat das Schreiben früh gelernt, selbstverständlich: Es gilt Schulpflicht in Deutschland. Einmal gelernt, und vor so langer Zeit, scheint es längst nichts Besonderes, höchstens wer sich die Schreibhand – sei sie nun links oder rechts – verletzt, merkt, wie mühsam diese vermeintliche Selbstverständlichkeit zu ersetzen ist. Vielleicht fällt einem in solchen Zeiten ein, dass Schreiben eine Kulturtechnik ist und früher nur wenigen Menschen geläufig war. Vielleicht erinnert sich die eine oder der andere, wie mühsam es war, als Kind überhaupt erst einen Stift zwischen den Fingern zu halten. Die Dinge ändern sich. Es gibt Kinder, die zuerst auf einer Tastatur schreiben, bevor sie ihre Handschrift trainieren. Und es gibt bereits Pläne, Kindern erst gar keine Handschrift mehr beizubringen. Mit einem Mal wird klar, wie viel mehr das Mit-der-Hand-Schreiben für einen Menschen bedeutet, als sich Notizen zu machen. Neurologen untersuchen mittlerweile den Einfluss der Handschrift auf das Denken, ja auf die Seele des Schreibenden. Auf- und Abstriche sorgfältig und gleichförmig zu ziehen, Bögen, Schleifen, Häkchen und Punkte anzuordnen verändere zum Beispiel die gesamte räumliche Vorstellung eines Schreiblehrlings. Schreiben ist ferner ein rhythmisches Tun, das einen zur Ruhe kommen lässt, oder gerade auch nicht. Schreiben ist eine Fähigkeit, mit der ich die Welt um mich herum anders wahrnehme. Wenn auch nur, indem ich Gedanken bereits im Kopf wie geschrieben vor mir sehe. Tippen ist etwas anderes, als mit einem Stift schreiben. Zumindest werden andere Hirnareale aktiv. Wer mit einer Hand schreibt, wird automatisch langsamer. Und bewahrt sich seine Privatheit (solange er oder sie sich nicht auf Hauswänden oder bei laufender Fernsehkamera äußert). Zum Vergnügen schreiben, um sich der Fähigkeit noch einmal bewusst zu werden? Warum eigentlich nicht?

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Wer die Welt erkennen will, sollte genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingeschaut. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit. Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

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