Vielleicht doch lieber üben?

Dieser Gedanke kam mir heute in der Supermarktschlange – denn was gibt es schlimmeres als Warten, vor allem, wenn man gerade mittendrin hängt? Kein Mensch – so scheint es zumindest – wartet gerne. Dabei gilt Warten als eine der großen Sekundärtugenden: Wer geduldig ist, kommt weit im Leben, so heißt es. Kindern, die nicht sofort in den Keks beißen, der vor ihnen auf dem Tisch liegt, sondern fünf Minuten warten, bis ihnen zur Belohnung ein zweiter Keks hingelegt wird, gelten als vielversprechende Erfolgstypen. Das gefällt uns natürlich – aber nur so lange, wie wir nicht vor dem Keks sitzen. Warten wird uns binnen Minuten zur Zumutung. Die Zeit dehnt sich ins Unermessliche, plötzlich tut sich ein Loch auf, gleichzeitig staucht sich die Energie, die für alle noch folgenden Erledigungen gespeichert ist, wir plustern uns auf und werden ganz schlapp, wir kommen aus dem Takt. Sind wir etwa im falschen Film? Ist etwas passiert? Werden wir gerade nicht ernst genommen? Und hier kommt es dann zur Entscheidung: Handele ich, um das Warten so schnell wie möglich zu beenden oder lasse ich los, und bleibe erst mal tatenlos stehen? Wer die eigene Freizeit als knappes Gut erlebt, ist schnell knausrig beim Warten. Wer Angst hat, dass eine ungeplante Pause ins Ungewisse verführt, wahrscheinlich auch. Dabei kann ein Innehalten unvermutete Räume öffnen. Warten schafft Zeit für Rückblicke, Ausblicke, auch für Zweifel. Warten schafft – auch wenn das paradox klingt – überhaupt erst Zeit. In größter Hektik innezuhalten, spart manchmal mehr Stunden, als kopflos fort zu rennen. Lächelnd warten macht ungeheuer souverän. Gelegentlich sogar richtig cool. Ach so, Warten kann man übrigens auch üben…

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Avatar von Unbekannt

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Wer die Welt erkennen will, sollte genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingeschaut. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit. Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 2

  1. Avatar von Maren Wulf

    Maren Wulf 3. Februar 2015

    Ach, aber ach… die Geduld… zu meinen Tugenden gehört sie leider nicht gerade, weder primär noch sekundär. Bin mir auch nicht sicher, ob man Geduld lernen kann. Innehalten mag ich gern (und kann das auch gut), auch mit (eher selten auftretender) langer Weile weiß ich umzugehen, aber Warten – nicht meins. Und wenn ich mir das weiße Sofa angucke: so lange schon mal gar nicht. 😉 Habe ich übrigens schon mal erwähnt, dass ich die Illustration deiner Alltagsklunker sehr mag?

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  2. Avatar von Stephanie Jaeckel

    Stephanie Jaeckel 4. Februar 2015

    Ob man Geduld lernen kann – wahrscheinlich kaum, sonst wären diese Keksexperimente ja nicht so interessant. Dennoch habe ich mich öfters schon beim Warten zum Gedulden beruhigen können. Indem ich das Warten in eigene Zeit umdeklarieren konnte. Wenn ich meine Aufmerksamkeit vom erwarteten Ereignis weg zu eigenen Fragen, Interessen lenke, kann es gelegentlich gelingen. Zu gutes Gelingen wiederum kann zum Verpassen führen, ein weiteres Alltagsmonster, mit dem ich – wenn auch oft nur in Alpträumen – überkreuz liege. Danke für dein Lob, was die Illustrationen angeht! Obwohl sie für mich das I-Tüpfelchen des Bloggens sind, sind sie auch die von mir vorhergesehene Erstbruchstelle, denn so viele Fotos habe und mache ich nicht. Aber da lasse ich mich einfach mal überraschen…

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