Lebensübung

Ich erinnere mich genau an eine der ersten Französisch-Schulstunde in die 11. Klasse. Wir hatten Stendhals „Le Rouge et le Noir“ vor uns auf dem Pult liegen und plagten uns. Vor allem diejenigen, die wie ich erst in der 9. Klasse Französisch als neues Fach dazugewählt hatten. Ich meldete mich und brachte meinen Vorschlag vor, vielleicht etwas „praktischeres“ zu lernen, so dass wir im Nachbarland bei einer Reise zurechtkämen oder beim schon längst geplanten Au-pair-Aufenthalt nach der Schule. Der Blick, den ich von meinem Lehrer erntete, war vernichtend. Ich weiß nicht mehr, ob ich überhaupt eine Antwort bekam. Natürlich blieb Stendhals Buch Lektüre. Ich erinnere mich, den Roman auf Deutsch gelesen zu haben.

Heute? Bin ich froh. Das Reisefranzösisch lernt schnell, wer erst mal im Land ist. Stendhal dagegen begegnet man so bald nicht wieder. Nicht, dass ich als Teen, der ich damals war, groß was verstanden hätte. Der Roman überforderte mich nicht nur in sprachlicher Hinsicht. Dennoch. Partikel sind hängen geblieben. Vor drei Jahren habe ich das Buch erneut gelesen. Elektrisiert. Dem Mädchen, dass lieber Steuer lernen würde statt Gedichte rufe ich zu: Steuer lernst du von selbst. Gib dich den Gedichten hin: Die Schulzeit ist heute möglicherweise die einzige Zeit, in der wir uns mit „nutzlosem Zeug“ noch rumschlagen dürfen. Das Studium ist es sicher längst nicht mehr. Life is a performance. Aber gelernt wird für den eigenen Kopf – nicht zuletzt für das eigene Herz.

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Wer die Welt erkennen will, sollte genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingeschaut. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit. Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

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