Auf der Lauer liegen

Es gibt in dem langen Gespräch zwischen Claire Parnet und Gilles Deleuze, das im Winter 1988/1989 aufgezeichnet wurde und mittlerweile als „abécédaire“ auch auf DVD zu haben ist, viele wundervolle und (für mich zumindest) tröstliche Stellen. Eine handelt von den unterschiedlichen Formen, sich Wissen anzueignen.

Schon als Schülerin habe ich mit Fakten gerungen. Es fällt mir schwer, einen großen Schwung beisammen zu halten und sobald eine Arbeit getan ist, für die ich ausgiebig recherchiert habe, vergesse ich das Wissen geradezu inflationär. Es scheint mir aus Ärmeln, Hosenbeinen, dem Kragen zu purzeln und aus der Mütze, die ich gerade absetze. Muss ich erneut an das Thema ran, ist alles weg. Und was höre ich da unter Staunen Professor Deleuze sagen?

„Ich habe kein Wissen auf Reserve. Alles, was ich mir aneigne, ist für eine bestimmte Arbeit. Und das vergesse ich sofort wieder.“

Der also auch, denke ich, aber dann kommt es noch besser, weil Deleuze dem Alles-Wissen eine Alternative zur Seite stellt: Das Auf-der-Lauer-Liegen. Hier kommt es nicht darauf an, viel gereist zu sein oder auf jede Frage eine Antwort parat zu haben. Hier zählen Begegnungen. Und da lacht das alte Schlitzohr: Nicht Begegnungen zwischen Menschen (pah, da gibt es bloß wieder Gerede, im schlimmsten Fall intellektuelles Gerede), sondern zwischen mir und einem (Kunst-)Werk, einer Musik, etc. Die entsprechende Kulturtechnik dazu: Ich gehe raus und lege mich auf die Lauer. Vielleicht treffe ich heute etwas, das eine Begegnung auslöst…

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Avatar von Unbekannt

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Wer die Welt erkennen will, sollte genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingeschaut. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit. Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 6

  1. Avatar von Stephanie Jaeckel

    Stephanie Jaeckel 19. Dezember 2014

    Liebe Maren, ja, das Absichtslose scheint mir für Begegnungen auch wesentlich. Ich werde Deleuze noch mal in Ruhe zuhören, denn ich denke, dass er das nicht ausschließt (ich habe möglicherweise verkürzt dargestellt). Er sagt nämlich ausdrücklich, man müsse vor die Tür und sich bewegen, fort-bewegen, um dann auf etwas zu stoßen. Die Lauer ist möglicherweise eine Art innerer Spannung, die die Augen weit geöffnet lässt, usf. Denn um den Moment der Begegnung nicht zu verpassen (wie bei Deinem aktuellen Punk-Foto), muss man ganz schön schnell sein.

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  2. Avatar von Sieglinde Geisel

    Sieglinde Geisel 19. Dezember 2014

    Sehr schön, diese Beobachtung! Was mir an dem Auf der Lauer-Liegen so gefällt, ist das Absichtslose, Entspannte! Wenn man in diesem Modus die Verlagsvorschauen durchsehen könnte…
    Wer hat nochmal gesagt, die Philosophie sei eine Trösterin? Oder war das die Musik? Oder die Literatur?…

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  3. Avatar von Stephanie Jaeckel

    Stephanie Jaeckel 20. Dezember 2014

    Wer mich tröstet, bestimme ich selbst… um so einer perfide Wissensfrage mal ganz elegant auszuweichen 😉 – Der Trost entsteht aus der Begegnung mit was auch immer, das Öffnen von Herz und Horizont (so zumindest verstehe ich Deleuze in diesem Punkt). Dass sich Wissen, Gelesenes, Gesehenes woanders ablagert, ist da gleich auch noch ein Trost. Und eine Möglichkeit, die ich auch schon erwogen habe. Daraus erwächst dann vielleicht Erfahrung, im besten Fall zumindest.

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