Frau Marowski

hatte natürlich auch einen Vornamen, aber an den erinnere ich mich nicht, wir haben uns stets mit „Sie“ angesprochen. Frau Marowski war über 80, als ich sie kennenlernte, ich hatte gerade mit dem Studium begonnen und las ihr regelmäßig vor. Meine Mutter hatte mir die wöchentlichen Vorlesestunden ans Herz gelegt, Frau Marowski war eine ihrer besten Kundinnen, aber meine Mutter mochte sie darüber hinaus und litt unter der Vorstellung, dass die charmante alte Frau ihre Tage meist allein verbrachte, auch wenn sie es sich leisten konnte, in der „Seniorenresidenz“ zu wohnen, was allerdings auch damals schon nicht viel mit residieren, ja nicht einmal mit leben zu tun hatte.

Frau Marowski war ein Berufsleben lang Sängerin gewesen. Als ihr Mann starb, packte sie ihre Sachen und zog vom feinen Hamburg in die rheinische Provinz. Vielleicht um zu vergessen. Ganz bestimmt, um noch einmal ganz neu anzufangen. Am meisten hat mir damals imponiert, wie sie – einfach so! – mit dem Lateinlernen anfing. Ausgerechnet Latein, eine Sprache, mit der ich mich durch die Schule geplagt hatte und die ich beim Studium endlich links liegen lassen konnte. Komisch fand ich, dass diese alte einsame Frau sich immer noch schminkte, als werde sie später noch auf irgendeiner Bühne erwartet. Der Liedstrich war verzogen, als hätte eine Vierjährige das morgendliche Auflegen des Make-ups übernommen, auch das Lippenrot saß nicht immer da, wo es hingehörte. Von meiner Mutter hörte ich, dass sie schwer zuckerkrank und davon fast blind war. Was ich nicht glauben konnte, weil sie offensichtlich alles um sich herum lebhaft beschaute und kommentierte. Aber irgendeinen Grund musste mein Vorlesen ja haben, und die krummen Liedstriche ließen sich so auch plausibel machen (wer kennt schon Vierjährige, die morgens in Seniorenresidenzen gehen, um deren Bewohner ausgehtauglich zu malen?)

Lange habe ich nie vorgelesen. Ehrlich gesagt, kann ich es bis heute nicht besonders gut. Schnell kamen wir auf andere Themen, ich studierte Kunstgeschichte, ein Fach, das Frau Marowski besonders interessierte und dem sie mit hundert und einer Frage beizukommen suchte. Wahrscheinlich war ich eine schlechte Lehrerin. Oft konnte ich keine Antworten finden, aber ich habe ihr von dem erzählt, was ich gesehen und verstanden hatte. Heute denke ich manchmal, dass das für eine über Achtzigjährige ganz schön dünn gewesen sein muss. Kuchen essen war ein weiteres gemeinsames Vergnügen, dem ich mich sorglos hingeben konnte und an dem sie später gestorben ist. Dass sie unvernünftig war, imponierte mir. Dass es um ihre persönliche Freiheit ging (keineswegs nur um Törtchen), gehört zu den vielen Dingen, die ich erst später kapiert habe.

Als ich zum Studium nach Berlin ging, haben wir uns gelegentlich (und das heißt vor allem zu Feier- und Geburtstagen) geschrieben. Ich meist mit einem schlechten Gewissen, schließlich wusste ich um ihre Einsamkeit. Natürlich war ihr Tod keine Überraschung. Lange habe ich nicht an sie gedacht, aber jetzt taucht sie gelegentlich auf, wenn ich eine besonders schöne Torte sehe oder eine Frau mit zu viel Schminke im Gesicht. Oder wenn ich – selten genug – ein Kleid anziehe, denn dazu hat sie mich so oft sie Gelegenheit fand, ermuntert. Ein Hoch auf alte Damen! Ein Hoch auf Frau Marowski!

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Wer die Welt erkennen will, sollte genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingeschaut. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit. Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

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