Ein Lob des Schlafs

singt die kanadische Schriftstellerin Anne Carson in ihrem Essay „Jeder Abschied eine Ankunft“, der übersetzt 2006 in der „Neuen Rundschau“ erschien. Eine faszinierende Recherche, in der sie dem Schlaf in der Literatur nachgeht, und auch hier die Aufteilung in jene findet, die sich in einen gesunden Schlaf – wie sie schreibt – „retten“ können und jene, denen das nicht gelingt.

Ihre eigene erste Erinnerung an den Schlaf (obwohl selbst eine schlechte Schläferin) steht am Anfang der Suche, keineswegs nach verlorener Zeit, denn es sind nach Carson die Träume, die jenen stummen Zustand bestimmen und dem Leben, von seiner Nachtseite her eine neue Dimension geben.

Die erste Geschichte die Carson als Schlafgeschichte präsentiert ist „Der Leuchtturm“ von Virginia Woolf. Überraschend für mich, ich habe die Erzählung gelesen, aber nicht erinnert, dass ein ganzer zweiter Teil (von dreien) geschlafen wird. „Die Zeit vergeht“ heißt das Schlafkapitel, das mit dem Untergehen des Mondes und einer sehr dunklen, regnerischen  Nacht beginnt. Es ist eine Art Zusammenfassung von dem, was den Protagonisten im Laufe der Zeit geschieht, Dinge, die von der Autorin nicht ausgeschrieben, sondern als Fakten notiert werden, während in der Geschichte nichts weiter geschieht als Schlaf, Nacht, Reglosigkeit.

Niemand wacht auf, die Zeit vergeht und steht gleichzeitig still, es ist, als wäre die Nachtwelt von Virginia Woolf in einem ursprünglicheren Zustand, ohne das Wollen und Walten der Menschen, die die Erde zu einem bewohnten Ort gemacht haben, aus dem so schnell keiner entkommt.

Die zweite – wesentlich längere – Geschichte, die Carson vom Schlaf her untersucht, ist Homers „Odyssee“. Auch hier mag man überrascht sein: eine solch halsbrecherische Abenteuergeschichte soll vom Schlaf her komponiert sein, sie sei gar „eine Art Masterplan des Schlafs, der alle wichtigen Figuren in einen nächtlichen Rhythmus direkt unter der Oberfläche der Wacherzählung zieht“ – ?! Ich will die Freude des Selberlesens nicht vorwegnehmen. Nicht aber die erste Zeile jener Ode, die Carson an den Schluss ihrer Überlegungen stellt:

„Denk dir dein Leben ohne ihn.
Ohne diesen Schlag vogelfreier Zeit der alle Kissen punktiert – ohne Kissen…“

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Wer die Welt erkennen will, sollte genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingeschaut. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit. Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

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