Ich bin dann mal weg…

ist keineswegs eine moderne Idee. Eine Auszeit zu nehmen, dieser Wunsch hat Tradition. Doch gehört eine große Portion Mut dazu, die längst nicht alle aufbringen. Goethe hatte genug Mumm, eine Italienreise anzutreten, zu Zeiten, in denen längere Urlaube keineswegs vorgesehen waren. Einen geordneten Rückzug aus seinem Alltag bekam er nicht hin. Er verschwand bekanntermaßen bei Nacht und Nebel. 17 Jahre vor ihm war sein Freund und Mentor Johann Gottfried Herder auf Reisen gegangen, weil er sein Hilfslehrer- und Hilfspfarrerleben in Riga, so gut es sich auch anging, nicht mehr ertrug. Anders jedoch als Goethe war dieser Abgang vorbereitet: Herder hielt seine offizielle Abschiedspredigt am 23. Mai 1769 und stach acht Tage später in See. Mit einem mulmigen Gefühl, schon vermisst er alle Freunde und Bekannten im Voraus und grämt sich über die vielen Möglichkeiten, die er in seinem bisherigen Leben ungenutzt hat verstreichen lassen. Aber als er das Schiff betritt, fühlt er sich befreit:

„Alles gibt hier dem Gedanken Flügel und Bewegung und weiten Luftkreis! Das flatternde Segel, das immer wankende Schiff, der rauschende Wellenstrom, die fliegende Wolke, der weite unendliche Luftkreis! Auf der Erde ist man an einen todten Punkt angeheftet; und in den engen Kreis einer Situation eingeschlossen (… in ein) Einerlei von Beschäftigungen, in welche uns Gewohnheit und Anmaßung stossen.“

Der Appell – Herder hat nach dieser Reise einen Bericht über dieselbe verfasst: „Journal meiner Reise im Jahr 1769“, nachzulesen z.B. im Gutenberg-Projekt.de – der Appell geht dahin, Bücher, Schriften, Beschäftigung und die bekannten Gesichter einmal loszulassen, um die Nase in den Wind zu halten. Aber Achtung! Die Sache mit der luftigen Freiheit hat einen Haken: „…sie kostet Thränen, Reue, Herauswindung aus dem Alten, Selbstverdammung!“ Dennoch blieb er zeitlebens dabei: Packen Sie die Koffer!, „jedes Datum heißt Handlung.“

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Wer die Welt erkennen will, sollte genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingeschaut. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit. Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

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