Großmutter werden

Wer keine Kinder hat, setzt auch hier eine, und alle folgenden Runden aus. Das mag zunächst beruhigen. Wer will heute schon Oma sein? Also, nicht konkret für das neue Kind, das in die Familie kommt, sondern als Sozialstatus. Oma, wie gruselig! So habe ich zumindest lange gedacht.

Bis ich gemerkt habe, dass ich auch so immer älter werde. Ich erinnere mich nicht mehr genau, wann mir klar wurde, ins Seniorenfach zu wechseln. An der UdK, als ich ein Erstsemester-Seminar besucht habe? Im Job, wo meine Auftraggeber mittlerweile alle (=ALLE) jünger sind, als ich? In Museen, wo ich als Besucherin Gleichaltrige immer wieder für „ältere Leute“ halte?

Nein. Oma werde ich in diesem Leben nicht mehr. Aber natürlich bin ich es längst. Als meine Cousine Oma wurde, als meine französische Freundin ein Enkelkind bekam, schwante mir, dass meine Stunde geschlagen hat. Seitdem bin ich zumindest vor mir selbst Oma. Und doch ja, es hilft. Denn ohne Familie lässt es sich ganz bequem über Jahrzehnte als ewige Studentin, bzw. Berufsanfängerin leben: Das Erwachsen-Sein hat doch gerade erst angefangen? Ich darf alles, muss niemandem Rechenschaft abgeben, lebe mein eigenes Pipi-Langstrumpf-Leben. Auf eine Art erdet mich die Oma. Ich habe zwar meine Familie nicht weiter gebracht. Aber ich habe einen Lebensweg absolviert, und nicht nur in die Tage gelebt.

Etwas ändern

Letzte Woche habe ich dieses Foto in der Hamburger U-Bahn gemacht. Beim Betrachten dachte ich – typisch Kunsthistorikerin – gleich an ein alte Bildmotiv aus der Kunst, den „Herkules am Scheideweg“. Es ist, Herkules sei Dank, eine Heldengeschichte, es geht um den richtigen und den falschen Weg. „Klar“, dachte ich, solche Entscheidungen waren selbstverständlich Männern vorbehalten. Wie sollte eine Frau schon über ihr Leben bestimmen!?

Die Zeiten sind vielleicht nicht ganz, aber doch weitgehend vorbei. Und ich merke, Entscheidungen zu treffen, brauchen Mut und Standing. Wie die Geschichte von Herkules zeigt, ist man in so einer Situation auch oft mit eher Nebensächlichem beschäftigt, er, in seinem Fall, mit der Attraktion der Frauen, die ihm begegnen. Er denkt also erst mal nicht grundsätzlich und abstrakt, sondern aus dem Moment heraus. Erst dann setzt ein Denkprozess ein, in dem Gespräch mit den Frauen. Und wir können aufatmen, denn der junge Herkules wählt den tugendhaften, den heldenhaften Weg.

Ich habe in meinem Leben nicht oft vor großen Entscheidungen gestanden. Zwei- oder dreimal, wenn ich mich richtig erinnere. Vieles hat sich ergeben, ist eben so gefallen, wie Würfel, die plötzlich vor mir auf dem Tisch lagen. Jetzt, wo ich älter werde, merke ich, dass eine Kurskorrektur ansteht. Keine große Richtungsänderung. Eher so, als würde sich mein Weg gerade alle paar Meter wieder und wieder verzweigen. Als müsse ich immer wieder innehalten und hier und da und dort eine kleine Entscheidung treffen. Das erscheint mir mühsam. Zumal die Ziele: tugendhaftes oder liederliches Leben gerade nicht so klar und deutlich am Horizont aufscheinen. Es geht eher darum, bei mir zu bleiben. Und nicht zu versuchen, anders oder (schlimmer noch) besser zu sein, als ich nun mal bin.

Das Gefühl der Ohnmacht

packt mich in diesen Tagen, die grauer in kälter werden, wieder öfter an. Ich zweifele an mir, an dem Sinn meines – und insgesamt – des menschlichen – Lebens. Wozu denn nochmal das alles? Ich mache nichts besser, wir (Menschen) machen alles nur noch schlimmer, kein Ende nirgends in Sicht.

Ja. So sieht es aus. Koche ich einen Kaffee, und setze ich mich ans Fenster, um ein paar heiße Schlucke zu trinken, verschiebt sich der Blick. Menschen waren schon immer so. Es wird zumindest nicht schlimmer. Welche Karten die Natur noch im Ärmel hat – wer weiß. Dass sie ohne uns weitermachen könnte, schreckt mich komischerweise kaum. Höchstens, dass wir den Planeten schreddern, bevor wir abtreten.

Aber was mache ich?

Mich überschätzen, weil ich überhaupt erwäge, dass ich irgendetwas tun könnte? Daily practice, schlägt jetzt auch Slavoj Zizek vor, kein Mönch, kein Wellness-Guru, sondern Philosoph, der daran erinnert, die eigene Hütte sauber zu halten. Ich kann jeden Tag mit meinen Entscheidungen kleinste Wellen schlagen. Und es sollte mich gar nicht interessieren, ob sie irgendwo anlanden oder an harten Stränden still und leise verleppern. Ich bin nicht ohnmächtig. Ich bin halt nur im Verhältnis zur gesamten Welt ziemlich klein. Kein Grund, die Nerven zu verlieren. Weitermachen und immer wieder innehalten. Denn wer nix tut, tut manchmal sogar genau das Richtige…

Mitten aus dem Leben

Für Angehörige ist es fast das Schlimmste, was passieren kann: Ein Mensch stirbt völlig unvermittelt. Krass schlagen wir auf, fallen aus unserem Alltagstrott, die Blase, die uns umhüllt, über die viele regelmäßig schimpfen, die uns aber – und das merken wir in so einem Moment – schützt vor der Leere des Universums und der Einsicht, das wir kleinen Klugscheißer (sorry!) eigentlich so gar nichts unter Kontrolle haben, platzt.

Typisch, dass wir uns auch sofort schuldig fühlen. Wir hätten doch noch mal anrufen, vorbeigehen können. Wir haben uns nicht gekümmert, da stirbt gerade jemand im Haus, und ich ahne es nicht mal. Ach, ja.

Natürlich ist es furchtbar. Einen Freund, einen Partner, auch nur einen Nachbarn zu verlieren, reisst ein tiefes Loch in unser Lebensgewebe. Die Menschen um uns herum sind schließlich auch wie eine Art Lebensader, die uns mit der Welt da draußen verbindet, unser drittes Auge, unser zweites Paar Ohren, ein Fernglas in andere Gegenden und eine Stimme für alles, was wir (bislang noch) übersehen haben.

Und natürlich hätten wir uns kümmern können. Denn das sehen wir ja: Wir leben, als würde alles immer so bleiben. Wir vergessen unsere Zerbrechlichkeit, unser tägliches An-der-Kante-Stehen. Wir vergessen unsere Existenz. Wir sind Alltag. Auch am Wochenende.

Umgekehrt könnte es anders sein. Jemand stirbt, ohne zwei Minuten vorher seinen eigenen Tod überhaupt auf dem Schirm gehabt zu haben. Ich habe bei einem Unfall diesen plötzlichen Moment einmal selbst erlebt. Es war, als würde der Wecker klingeln und mich aus einem tiefen Traum wecken, ich dachte erst, „Oh nein! Es ist noch viel zu früh!“, ganz so, wie wenn ich morgens noch nicht aufstehen will. Aber dann dachte ich auch: „Dann ist es jetzt so.“ Wie es dann wirklich ist, wissen wir nicht. Und es wird vermutlich auch immer wieder anders sein. Es mag trotzdem tröstlich sein, zu denken, dass jemand in seinem vertrauten Zuhause gestorben ist, vermutlich ohne lange Zeit zu hadern oder Angst zu haben.

Der Tod ist schrecklich. Er ist gleichzeitig ein Augenöffner. „Wie möchtest du leben, bevor ich zu dir komme?“ ist eine seiner häufig gestellten Fragen an die noch Lebenden. Ich spüre gerade eine große Dankbarkeit dafür, dass er bislang an mir vorbei gegangen ist. Die Probleme drücken oft hart. Aber ich bin froh, auf der Welt zu sein.

Menschen…

Seit tausenden von Jahren (in den letzten zweihundert dann ohne Sinn und Verstand) beuten wir Menschen die Erde aus. Mit Data, Metadata, KI scheint es, dass wir als letzt Ressource (noch einmal) auf uns selbst zurückgreifen. Wer Fortschritt liebt, wird das folgerichtig finden.

Erntedank

Als Kind habe ich das Erntedankfest für eine alte Tradition aus dem Mittelalter gehalten. Ich stellte mir Bauern vor, die vom Feld direkt in die Kirchen kamen, beladen mit Obst und Gemüse, um den Altar zu schmücken. Schön. Und so lange her. Schließlich hatten wir Supermärkte. Wozu einen Dank-Gottesdienst abhalten? Es war halt eine Erinnerung. – Wie lange es manchmal dauert, bis man etwas kapiert… Allen einen schönen Rest-Sonntag!

Zeit und Lebendigkeit

Wenn wir sagen, dass wir in eine Zeit eintauchen, meinen wir damit, uns in eine andere Epoche einzudenken. Mir gefällt dieses Bild gut, weil ich mir, seit ich Kind bin, Zeit wie Wasser vorstelle, das fließt, manchmal stillsteht und überall, in jede Ritze und Spalte hineinläuft.

Im Alltag rauscht die Zeit oft an mir vorbei. Ich mache etwas, und auf der Uhr stehen bald neue Zahlen (wer hat schon noch eine analoge Uhr zur Hand oder vor Augen?). Der Tag ist irgendwann vorbei, es dämmert. Ich gehe zu Bett.

In diese alltägliche Zeit einzutauchen, ist für mich eine Möglichkeit (vielleicht die einzige), mich lebendig zu fühlen. In der Zeit zu sein, ist vermutlich die geradlinigste Haltung gegenüber der Welt und der eigenen Lebenszeit. Kein Kompromiss an nichts, nicht an To-Do-Listen oder Arbeitszeiten. Hier einen Weg zu finden, beide halbwegs miteinander zu verbinden, ist mir gerade mein wichtigstes Anliegen. Ja, genau, ich war in der Reha und ab Montag geht es wieder zurück ins Büro… Es wäre ein großer Gewinn, wenn ich die lebendige Zeit mit in die Zukunft nehmen kann.

Zeiterfahrung

Auf der Suche nach meiner persönlichen Weltzeit lese ich nicht nur. Ich probiere, mich anderen Zeiten anzupassen. Das sind oft nur Übungen, die ich mir ausdenke. Manchmal aber auch kleine Experimente, die ich mir vornehme, durchaus mit noch anderen Absichten. So gehe ich seit einiger Zeit manchmal mit einer Tüte Walnüssen aufs Tempelhofer Feld, und versuche, die dort lebenden Krähen mit den Nüssen anzulocken. Manchmal sitze ich umsonst mit meinen Nüssen rum, sie sehen mich nicht (immerhin ist der ehemalige Flugplatz 3,86 Quadratkilometer groß). Heute hat mich eine entdeckt, und es begann ein langwieriger Tanz des Vogels um die ausgelegten Nüsse. Und da geht es um Vorsicht, aber ganz eindeutig auch um ein Spiel auf Zeit, ganz in der Art wie auch Menschen manchmal so tun, als seien sie so gar nicht interessiert an etwas, obwohl sie ganz offensichtlich immer weiter an entsprechender Stelle herumlungern. „Meine“ Krähe hatte sehr lustige Taktiken, manchmal tat sie einfach sehr beschäftigt, die beiden Nüsse aber klar im Blick. Manchmal lief sie weg, um aber ganz schnell auch wieder zurück zu kommen. Manchmal, das war wirklich köstlich, hüpfte sie rückwärts an eine der Nüsse heran. Ich saß ungefähr anderthalb Meter entfernt. Tat meinerseits aber so, als wenn mich die Nüsse nicht die Bohne interessieren. Das war unglaublich spannend. Ich konnte – zumindest ein wenig – zuschauen, was im Kopf der Krähe vor sich ging. Und sie hatte alle Zeit der Welt. So hatte ich es auch erwartet, und es war eine tolle Erfahrung. Die Nuss wurde zum Zentrum unserer Wahrnehmung, so eine schöne reife Walnuss. Wer bitte macht sich sonst die Mühe, so lange auf eine Nuss zu schauen! Wie die meisten Wildtieren, packte die Krähe am Ende die Nuss und brachte sie erst mal weit hinter mir im Feld in Sicherheit. Und sie wartete bis ich weg war, um den Fang mit bekannter Krähentaktik zu öffnen und zu verzehren. Hoffentlich ist ihr da niemand dazwischen gekommen!

Eine geschenkte Stunde

Meistens bin ich unmutig, früher als nötig aufzuwachen und nicht mehr einschlafen zu können. Heute jedoch sitze ich vergnügt am Tisch. Vielleicht, weil ich heute seit langer Zeit wirklich wach wachgeworden bin und nicht gegen einen Widerstand aufstehen und alles starten muss. Und das, obwohl ich laut Uhrzeit eigentlich zu wenig geschlafen habe. Lassen wir also die Uhr endlich mal wieder Uhr sein.

Wegen einer Schimmelsanierung an einer Wand musste ich meine Wohnung ausräumen. Fast alle Bücherregale sind in den Keller gewandert, so dass erst der Handwerker an die beschädigte Wand kam und ich jetzt mehr Platz für die übrigen Möbel habe. Heute Morgen, auf dem Weg vom Bett in die Küche musste ich schmunzeln: es wird fortan weniger blaue Flecken geben, denn ich habe entschieden, dass die Bücher samt Regalen im Keller bleiben.

Eine ungewohnte Perspektive. Denn Bücher gehören zu meinem Leben. Und auch, wenn ich nie richtige Bücherwände auftürmte, war ich doch immer wieder froh, Lieblingsbücher griffbereit zu haben. Tatsächlich erschien mir die Wohnung die letzten Tage etwas leer. Aber das ändert sich gerade. Ich sitze am Tisch, heute Morgen tatsächlich einmal so, dass ich in den Raum schaue und nicht aus dem Fenster, und finde es ganz wunderbar. Vielleicht auch, weil über die letzten Jahre mehr Bilder in meine Wohnung gezogen sind und ihre Präsenz ohne die ganzen bunten Bücherrücken deutlicher spürbar wird. Vielleicht auch, weil ich eine Veränderung brauchte. Denn während der Reha hatte ich tatsächlich Zeit, mein Leben noch einmal neu zu betrachten und die anstehenden Änderungen ins Auge zu fassen. Ich erreichte bald den Seniorenstatus. Und auch, wenn ich mich so gar nicht alt (oder besser gesagt: älter) fühle, rückt das Seniorensein näher. Ich bin noch während des Studiums in diese Wohnung gezogen. Am Ende war sie auch immer eine Art Studentinnenwohnung. Das war charmant und ich mag an sich auch Menschen, die nicht plötzlich erwachsen werden und sich seriös einrichten. Doch jetzt ist die Zeit gekommen, was auch immer zu ändern (und wenn es nur die Aussicht auf weniger blaue Flecken ist…)

Warum sagt eigentlich keine*r was?

Als Texterin für Audioguides bin ich möglicherweise näher an der aktuellen Entwicklung als gelegentlich Museumsbesucher*innen. Denn ich höre mehr Produktionen, einfach aus beruflichem Interesse. Längst sind erste Guides mit synthetischen Stimmen auf dem Markt. Gerade auch im Podcast-Bereich gibt es solche Aufnahmen, in denen keine Menschen mehr sprechen. Mir ist klar, wir stolpern in diesen ersten Versuchen über Anfängergemurksel. Es wird bestimmt alles besser. Aber ich frage mich: Warum lassen wir uns das gefallen? Warum sagt keiner was? Die menschliche Stimme gehört zu den wundervollsten „Instrumenten“ unseres Daseins. Nichts und niemand kann eine menschliche Stimme ersetzen. Und was uns selbst in der völlig überfüllten und verspäteten U-Bahn noch Trost sein könnte – eine sanfte oder eckige oder irgendwie eigenwillige Stimme, die die nächste Station ansagt (oh, doch, ja, es geht weiter!), ist längst der Maschine überlassen. Und eben, es wir noch schlimmer kommen. Warum lassen wir uns das gefallen? Warum akzeptieren wir immer nur das dumme kapitalistische Gerede davon, dass gespart werden muss. Merken wir nicht, dass wir längst selbst aus allen Prozessen ausgespart werden? Es muss ja kein großer Protest sein. Nur die klare Ansage zum Beispiel, dass wir künstliche Stimmen nicht akzeptieren.