Autor: Stephanie Jaeckel

Wer die Welt erkennen will, sollte genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingeschaut. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit. Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Auf dem Friedhof

Den vielleicht größten Hype erlebten Friedhöfe möglicherweise während Corona, als sie eine der wenigen Gelegenheiten boten, draußen (vielleicht sogar in Begleitung) unterwegs zu sein. Hier in Berlin entwickelten sich neue Gewohnheiten: man traf sich an einem Grab oder einer Bank, redete miteinander, trank mitgebrachten Kaffee oder Tee und wurschtelte vielleicht auch ein bisschen an den […]

Glück

Es heißt, ein Rotkehlchen im Garten zu sehen, bringe Glück. Und was für eins: Stell Dir vor es regnet, und du musst in einem Garten Ordnung schaffen, den du seit einem Jahr nicht mehr betreten hast. Es ist Januar und also kalt und grau. Und Gartenhandschuhe fehlen gerade schmerzlich. Und dann kommt das Kehlchen. Du […]

Im Krater stehen

Es heißt, Perspektivwechsel seien die halbe Miete beim Bedenken von Problemen. Sogar das Selbstbild wechselt mit anderen, ungewohnten Blickwinkeln. Ich hatte jedenfalls eine überraschend andere Selbstwahrnehmung, als ich am Samstag im Krater eines erloschenen Eifel-Vulkans stand. Ich will damit nicht den Eindruck erwecken, ich sei mir ein Problem. Aber ich bin halt tagaus tagein mit […]

Nicht hier, nicht da

Wer in das Haus seiner Kindheit reist, ohne dass noch Familie dort wohnt, macht eine Erfahrung, die – vor allem kurz vor dem Einschlafen – eine merkwürdige Verschiebung nach sich zieht. Erinnerungen, alte Gewohnheiten mischen sich mit der Gegenwart, ein altes Ich wird plötzlich geweckt, es befreit sich aus dem Chor der Vergangenen Stimmen und […]

Hamsterrad oder Kreislauf des Lebens

Die erste Woche des neuen Jahres ist um und hatte für mich schon wieder alles dabei, was mich jahraus, jahrein beschäftigt. Ich war guten Mutes gestartet – und am Donnerstag war die Luft schon wieder raus. Im Kopf ging das Warnzeichen an: „Red alert! Red alert? What went wrong?“ Heute kann ich schmunzeln. Warum ich […]

Anders sein

ist vielleicht die größte Sehnsucht heutiger Menschen. Wir verstehen das „Andere“ in diesem Sinn als das „Eigene“, rechnen es unserer Identität an, unserem eigenen, unverwechselbaren Fingerabdruck. Aber: Alles ist immer anders. Jeder, jede und jedes. Warum darauf „Eigenes“ bauen? Deleuze weist darauf hin, dass wir, indem wir diese Unterscheidungen formulieren, unsere Identitäten schaffen. Nicht die […]

Nächster Halt: Neues Jahr

Jetzt ist es wieder fast soweit, die Lebensreise nähert sich der nächsten Station: 2026. Sachen zusammensuchen, schnell noch den Müll wegbringen, Krönchen richten, Mantel anziehen. Die Karte ist gelöst: Alle aussteigen. Jedes Jahr um diese Zeit befällt mich um diese Zeit eine merkwürdige Mischung aus Melancholie und Aufbruchsstimmung wider aller Müdigkeit. Wäre doch gelacht! Das […]

Wenn ich

mir vorstelle, dass ich nicht nur die bin, die ich bin, sondern auch die, die ich sein kann (nee, ganz ohne Optimierungsfantasie, nur so in Bezug auf Möglichkeiten), werde ich zuversichtlich. Vielleicht kann das auch eine Hoffnung in dunklen Zeiten sein: Die Welt ist immer auch mehr, als sie gerade ist. Frohe Weihnachten an alle!