Gerade im Winter wird ja gerne die Diagnose „Winterblues“ oder „Winterdepression“ hervorgeholt. Es gibt Menschen, und ich gehöre leider auch dazu, die einen grauen Himmel plus Regen oder kalte Temperaturen als echten Stimmungskiller erleben. Dazu muss ich sagen, dass ich graue Himmel im Grunde sehr gerne haben, und zum Beispiel bei über 20C° richtig liebe. Aber im Berliner Winter können sie mir schon ganz schön zu schaffen machen: Die Aussicht auf einen grauen Tag bei Temperaturen um die 0 C°: Auweia! Wirklich aufstehen???
Keine Sorge! Ich habe eine sensationelle Deckenlampe, die eingeschaltet, mein Zimmer wie mit Sonnenlicht flutet. Insofern bin ich da schnell raus. Dennoch kenne ich das Gefühl, morgens schwer und mutlos zu sein, und den Wunsch zu haben, die Augen einfach wieder zu schließen. Und natürlich dachte ich lange an depressive Episoden, wenn es mir mal wieder so ging.
Gerade lese ich von Helene Bracht „Das Lieben danach“. Es geht in diesem Buch um eine Missbrauchserfahrung in der Kindheit, und die Frage, wie es nach einem großen Vertrauensbruch in frühen Jahren überhaupt möglich ist, ein solides Leben zu führen. Missbrauch ist ein weiteres Feld als sexuelle Übergriffe. Viele Kinder so genannter „Kriegs-Kinder“ haben Erfahrungen mit kalten, abwertenden Eltern. Wer zum Beispiel immer getadelt wurde, weil einfach nichts gut genug in den Augen von Vater oder Mutter war, mag als Erwachsene*r vor Herausforderungen eher in die Knie gehen, statt voller Tatendrang eine Lösung zu suchen. Helene Bracht formuliert das so:
An Vertrauen (auch in sich selbst, S.J.) kommt keiner vorbei. Auch die nicht, die Kontrolle für besser halten. Vertrauen ist als Investition in ein gedeihliches Miteinander unvermeidbar. Kein Handeln, keine Interaktion ohne Risiko. Wir müssen früh lernen, was wir wagen können und wovon wir lieber Abstand nehmen sollten. (S. 162)
Und sie beschreibt, wie so ein Vertrauensbruch als Defekt weiterlebt, oft nicht als gesteigertes Misstrauen, sondern als Vertrauen in immer wieder solche Menschen, die das in sie gesetzte Vertrauen verraten. In diesem Zusammenhan zitiert sie auch Niklas Luhmann, der gesagt hat, wir könnten ohne Vertrauen morgens nicht einmal das Bett verlassen (S. 161).
Genau hier hatte ich ein Aha-Erlebnis. Denn mit den psychologischen Einschätzungen ist man beim Winter-Blues bei einer Einschränkung: Du hast eine depressive Episode, das heißt, du bist nicht ganz auf der Höhe deiner Möglichkeiten. Wenn ich mit Bracht/Luhmann auf das gleiche Phänomen schaue, heißt es etwas anderes: Du hast eine schlechte Erfahrung in früher Kindheit gemacht. Es ist ganz folgerichtig, dass dich hier der Mut verlässt. Bingo? Denn in diesem Moment kann ich mich sofort anders entscheiden. Ich bin nicht defizitär, sondern in einer Perspektive, die ich ändern kann.
Nein. Ich möchte kein Psycholog*innen-Bashing betreiben. Ich verstehe aber, dass ich Diagnosen von Handlungen zu ungenau finde, um damit überhaupt umgehen zu können. Ich kann mir besser vorstellen, mit einem Vertrauensbruch fertig zu werden, als mit dem für mich am Ende zu abstrakten Begriff einer Depression. Wie geht es Euch damit?

Grinsekatz 7. Dezember 2025
Die Diagnose Depression ist lediglich die Folge dieses früh zerstörten Grundvertrauens. Ja, wir sind damit nicht allein, scheint ein Generationending zu sein. L.G., Reiner
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warumichradfahre 7. Dezember 2025
Ich denke, nicht alle Depressionen haben mit Vertauensbrüchen zu tun. Und auch nicht alle Vertrauensbrüche führen notwendigerweise zu Depressionen. Also: wahrscheinlich ein weites, unbestimmtes Feld.
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Stephanie Jaeckel 7. Dezember 2025
Ich habe nicht von allen Depressionen gesprochen, sondern von so genannten Winter-Depressionen, bzw. depressiven Episoden. Ich glaube auch nicht, dass es für individuelle Probleme je eine Lösung gibt. Ich wollte mit meinem Beitrag darauf hinweisen, dass mir eine weniger psychologische Herangehensweise in diesem Fall einen größeren Handlungsspielraum verspricht. Ich bin mir allerdings sicher, dass Vertrauensbrüche in früher Kindheit immer ein Nachspiel haben. Ich würde diese Nachspiele allerdings auch nie als Depression bezeichnen.
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