Etwas ändern

Letzte Woche habe ich dieses Foto in der Hamburger U-Bahn gemacht. Beim Betrachten dachte ich – typisch Kunsthistorikerin – gleich an ein alte Bildmotiv aus der Kunst, den „Herkules am Scheideweg“. Es ist, Herkules sei Dank, eine Heldengeschichte, es geht um den richtigen und den falschen Weg. „Klar“, dachte ich, solche Entscheidungen waren selbstverständlich Männern vorbehalten. Wie sollte eine Frau schon über ihr Leben bestimmen!?

Die Zeiten sind vielleicht nicht ganz, aber doch weitgehend vorbei. Und ich merke, Entscheidungen zu treffen, brauchen Mut und Standing. Wie die Geschichte von Herkules zeigt, ist man in so einer Situation auch oft mit eher Nebensächlichem beschäftigt, er, in seinem Fall, mit der Attraktion der Frauen, die ihm begegnen. Er denkt also erst mal nicht grundsätzlich und abstrakt, sondern aus dem Moment heraus. Erst dann setzt ein Denkprozess ein, in dem Gespräch mit den Frauen. Und wir können aufatmen, denn der junge Herkules wählt den tugendhaften, den heldenhaften Weg.

Ich habe in meinem Leben nicht oft vor großen Entscheidungen gestanden. Zwei- oder dreimal, wenn ich mich richtig erinnere. Vieles hat sich ergeben, ist eben so gefallen, wie Würfel, die plötzlich vor mir auf dem Tisch lagen. Jetzt, wo ich älter werde, merke ich, dass eine Kurskorrektur ansteht. Keine große Richtungsänderung. Eher so, als würde sich mein Weg gerade alle paar Meter wieder und wieder verzweigen. Als müsse ich immer wieder innehalten und hier und da und dort eine kleine Entscheidung treffen. Das erscheint mir mühsam. Zumal die Ziele: tugendhaftes oder liederliches Leben gerade nicht so klar und deutlich am Horizont aufscheinen. Es geht eher darum, bei mir zu bleiben. Und nicht zu versuchen, anders oder (schlimmer noch) besser zu sein, als ich nun mal bin.

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Wer die Welt erkennen will, sollte genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingeschaut. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit. Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comment 1

  1. Avatar von warumichradfahre

    warumichradfahre 16. November 2025

    Diese Assoziation in Zusammenhang mit den U-Bahn Röhren finde ich natürlich sehr spannend und stelle mir die Frage, ob du Dich schon einmal spontan in der U-Bahn für die andere Röhre entschieden hast.

    Ich musste schon oft Entscheidungen treffen, privat, im ehrenamtlichen Bereich und auf der Arbeit. Und die Entscheidungssituation war selten so wie bei den beiden Röhren, dass nämlich das eine in die eine und das andere in die entgegengesetzte Richtung geht. Meistens lagen die Alternativen nicht zu weit auseinander.

    Vor kurzem habe ich mich bewusst dafür entschieden, zum Jahresende aus dem Arbeitsleben auszuscheiden. Ich bin noch nicht so ganz sicher, welche Konsequenzen das haben wird, die waren bei dieser Entscheidung auch gar nicht so ausschlaggebend. Ich weiß auch nicht genau, ob das nun eine Kurskorrektur oder eine Richtungsänderung ist. Vielleicht schreibe ich in einem Vierteljahr noch mal einen Kommentar zu deinem Blog-Beitrag heute, dann verrate ich es.

    Ich wünsche dir auf jeden Fall gute Entscheidungen, Kurskorrekturen und Richtungsänderungen.

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