Mitten aus dem Leben

Für Angehörige ist es fast das Schlimmste, was passieren kann: Ein Mensch stirbt völlig unvermittelt. Krass schlagen wir auf, fallen aus unserem Alltagstrott, die Blase, die uns umhüllt, über die viele regelmäßig schimpfen, die uns aber – und das merken wir in so einem Moment – schützt vor der Leere des Universums und der Einsicht, das wir kleinen Klugscheißer (sorry!) eigentlich so gar nichts unter Kontrolle haben, platzt.

Typisch, dass wir uns auch sofort schuldig fühlen. Wir hätten doch noch mal anrufen, vorbeigehen können. Wir haben uns nicht gekümmert, da stirbt gerade jemand im Haus, und ich ahne es nicht mal. Ach, ja.

Natürlich ist es furchtbar. Einen Freund, einen Partner, auch nur einen Nachbarn zu verlieren, reisst ein tiefes Loch in unser Lebensgewebe. Die Menschen um uns herum sind schließlich auch wie eine Art Lebensader, die uns mit der Welt da draußen verbindet, unser drittes Auge, unser zweites Paar Ohren, ein Fernglas in andere Gegenden und eine Stimme für alles, was wir (bislang noch) übersehen haben.

Und natürlich hätten wir uns kümmern können. Denn das sehen wir ja: Wir leben, als würde alles immer so bleiben. Wir vergessen unsere Zerbrechlichkeit, unser tägliches An-der-Kante-Stehen. Wir vergessen unsere Existenz. Wir sind Alltag. Auch am Wochenende.

Umgekehrt könnte es anders sein. Jemand stirbt, ohne zwei Minuten vorher seinen eigenen Tod überhaupt auf dem Schirm gehabt zu haben. Ich habe bei einem Unfall diesen plötzlichen Moment einmal selbst erlebt. Es war, als würde der Wecker klingeln und mich aus einem tiefen Traum wecken, ich dachte erst, „Oh nein! Es ist noch viel zu früh!“, ganz so, wie wenn ich morgens noch nicht aufstehen will. Aber dann dachte ich auch: „Dann ist es jetzt so.“ Wie es dann wirklich ist, wissen wir nicht. Und es wird vermutlich auch immer wieder anders sein. Es mag trotzdem tröstlich sein, zu denken, dass jemand in seinem vertrauten Zuhause gestorben ist, vermutlich ohne lange Zeit zu hadern oder Angst zu haben.

Der Tod ist schrecklich. Er ist gleichzeitig ein Augenöffner. „Wie möchtest du leben, bevor ich zu dir komme?“ ist eine seiner häufig gestellten Fragen an die noch Lebenden. Ich spüre gerade eine große Dankbarkeit dafür, dass er bislang an mir vorbei gegangen ist. Die Probleme drücken oft hart. Aber ich bin froh, auf der Welt zu sein.

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Wer die Welt erkennen will, sollte genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingeschaut. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit. Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

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