Zeiterfahrung

Auf der Suche nach meiner persönlichen Weltzeit lese ich nicht nur. Ich probiere, mich anderen Zeiten anzupassen. Das sind oft nur Übungen, die ich mir ausdenke. Manchmal aber auch kleine Experimente, die ich mir vornehme, durchaus mit noch anderen Absichten. So gehe ich seit einiger Zeit manchmal mit einer Tüte Walnüssen aufs Tempelhofer Feld, und versuche, die dort lebenden Krähen mit den Nüssen anzulocken. Manchmal sitze ich umsonst mit meinen Nüssen rum, sie sehen mich nicht (immerhin ist der ehemalige Flugplatz 3,86 Quadratkilometer groß). Heute hat mich eine entdeckt, und es begann ein langwieriger Tanz des Vogels um die ausgelegten Nüsse. Und da geht es um Vorsicht, aber ganz eindeutig auch um ein Spiel auf Zeit, ganz in der Art wie auch Menschen manchmal so tun, als seien sie so gar nicht interessiert an etwas, obwohl sie ganz offensichtlich immer weiter an entsprechender Stelle herumlungern. „Meine“ Krähe hatte sehr lustige Taktiken, manchmal tat sie einfach sehr beschäftigt, die beiden Nüsse aber klar im Blick. Manchmal lief sie weg, um aber ganz schnell auch wieder zurück zu kommen. Manchmal, das war wirklich köstlich, hüpfte sie rückwärts an eine der Nüsse heran. Ich saß ungefähr anderthalb Meter entfernt. Tat meinerseits aber so, als wenn mich die Nüsse nicht die Bohne interessieren. Das war unglaublich spannend. Ich konnte – zumindest ein wenig – zuschauen, was im Kopf der Krähe vor sich ging. Und sie hatte alle Zeit der Welt. So hatte ich es auch erwartet, und es war eine tolle Erfahrung. Die Nuss wurde zum Zentrum unserer Wahrnehmung, so eine schöne reife Walnuss. Wer bitte macht sich sonst die Mühe, so lange auf eine Nuss zu schauen! Wie die meisten Wildtieren, packte die Krähe am Ende die Nuss und brachte sie erst mal weit hinter mir im Feld in Sicherheit. Und sie wartete bis ich weg war, um den Fang mit bekannter Krähentaktik zu öffnen und zu verzehren. Hoffentlich ist ihr da niemand dazwischen gekommen!

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Wer die Welt erkennen will, sollte genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingeschaut. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit. Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

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