Eine geschenkte Stunde

Meistens bin ich unmutig, früher als nötig aufzuwachen und nicht mehr einschlafen zu können. Heute jedoch sitze ich vergnügt am Tisch. Vielleicht, weil ich heute seit langer Zeit wirklich wach wachgeworden bin und nicht gegen einen Widerstand aufstehen und alles starten muss. Und das, obwohl ich laut Uhrzeit eigentlich zu wenig geschlafen habe. Lassen wir also die Uhr endlich mal wieder Uhr sein.

Wegen einer Schimmelsanierung an einer Wand musste ich meine Wohnung ausräumen. Fast alle Bücherregale sind in den Keller gewandert, so dass erst der Handwerker an die beschädigte Wand kam und ich jetzt mehr Platz für die übrigen Möbel habe. Heute Morgen, auf dem Weg vom Bett in die Küche musste ich schmunzeln: es wird fortan weniger blaue Flecken geben, denn ich habe entschieden, dass die Bücher samt Regalen im Keller bleiben.

Eine ungewohnte Perspektive. Denn Bücher gehören zu meinem Leben. Und auch, wenn ich nie richtige Bücherwände auftürmte, war ich doch immer wieder froh, Lieblingsbücher griffbereit zu haben. Tatsächlich erschien mir die Wohnung die letzten Tage etwas leer. Aber das ändert sich gerade. Ich sitze am Tisch, heute Morgen tatsächlich einmal so, dass ich in den Raum schaue und nicht aus dem Fenster, und finde es ganz wunderbar. Vielleicht auch, weil über die letzten Jahre mehr Bilder in meine Wohnung gezogen sind und ihre Präsenz ohne die ganzen bunten Bücherrücken deutlicher spürbar wird. Vielleicht auch, weil ich eine Veränderung brauchte. Denn während der Reha hatte ich tatsächlich Zeit, mein Leben noch einmal neu zu betrachten und die anstehenden Änderungen ins Auge zu fassen. Ich erreichte bald den Seniorenstatus. Und auch, wenn ich mich so gar nicht alt (oder besser gesagt: älter) fühle, rückt das Seniorensein näher. Ich bin noch während des Studiums in diese Wohnung gezogen. Am Ende war sie auch immer eine Art Studentinnenwohnung. Das war charmant und ich mag an sich auch Menschen, die nicht plötzlich erwachsen werden und sich seriös einrichten. Doch jetzt ist die Zeit gekommen, was auch immer zu ändern (und wenn es nur die Aussicht auf weniger blaue Flecken ist…)

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Wer die Welt erkennen will, sollte genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingeschaut. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit. Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

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