ist vor genau 100 Jahren in Paris gestorben. Ein schwieriger Mensch mit überbordender Fantasie. Vielleicht passt „Unikum“ gut, ihn zu beschreiben, eine Melange von vergnügtem Unikat und einsamen Monstrum, von jemanden, der schief in der Welt stand, um es freundlich zu formulieren.
Mein Freund Tomas Bächli hat neulich ein Konzert vor Freund*innen ausprobiert, in dem er Stücke von Satie mit Kompositionen anderer Musiker*innen (ja, doch, es gab auch Ruth Crawford-Seeger) mischt. Ein sehr erhellendes Verfahren, das für meinen Geschmack zu selten in der Aufführungspraxis angewendet wird.
Tomas hat auch ein Buch über Satie geschrieben, deshalb bin ich, als Nicht-Musikerin, in Gesprächen, aber auch immer wieder in Konzerten mit Saties Musik über die Jahre vertraut geworden. Eine Arbeit mag ich besonders, die „Sports et divertissements“, ein Zyklus von 21 enorm kurzen Klavierstücken, die Satie zwischen März und Mai 1914 komponierte.
Von Satie sind zahlreiche Bonmots bekannt, oft geht es darum, dass er vor allem nicht als Musiker bekannt sein möchte: er sei nun mal alles andere, als ein Komponist. Einmal nennt er sich Meister der „Phonometrie“, was in etwa einem Forscher menschlicher Sprachlaute entspricht. Nonsense und Ernst in einem, denn Satie erforschte Laute, wandelte sie in Töne, suchte nach deren Mitte, d.h. einem Ton ohne aufgesetzte Expression.
Beim Durchblättern der Partitur zu den „Sports et divertissements“ stand mir eine Parallele vor Augen, die keine neue Deutung nach sich zieht, aber vielleicht die Intention Saties bei einigen Stücken neu beleuchtet. Ich meine die Nähe zum damaligen Stummfilm. Dabei geht es mir weniger um die Tatsache, dass die Filme, die ab den 1895er Jahren entstanden, zunächst mit dazugehöriger Musik gezeigt wurden. Denn dass sich Saties Kompositionen enorm gut für Filme eignen, und in mittlerweile über 100 Kinofilmen zu hören sind, steht noch einmal auf einem anderen Blatt.
Mir geht es hier um die Struktur: In frühen Filmen sehen wir oft kurze Szenen, kleine und große Eskapaden, die von – eingeblendeten – Überschriften getrennt hintereinander gezeigt werden. Diese Filme sind so etwas wie Potpourris menschlicher oder tierischer Slapsticks, die keine übergreifende Handlung zeigen, sondern die tragikomische Seite irdischer Existenz. Genau so scheint mir Satie die „Sports et divertissements“ angelegt zu haben. In der Partitur sind die kleinen Musikeskapaden von Zeichnungen des Modezeichners Charles Martin unterbrochen, die die Stelle der Überschriften im Film einnehmen. Stets geht es um kurze Episoden, die Satie tatsächlich nicht nur musikalisch, sondern auch mit kleinen Texten erzählt. Hier wurde vielleicht wegen Saties späteren Nähe zu den Surrealisten zu viel Gewicht auf ihre surreale, traumartige Szenerie gelegt. Tatsächlich sind sie Komik und Nonsens verpflichtet, zwei Aspekte, die Satie immer wieder zur Hilfe nahm, um der „ernsten“ Musik ihre Schwere und ihre oft altmodische Wucht zu nehmen.
Also, vielleicht nahm Satie die Anregung des neuen Mediums Film auf und suchte hier nach Möglichkeiten, die E-Musik zeitgemäß zu fassen. Vielleicht ist das aber auch zu weit hergeholt. Hier noch die (dilettantische) Übersetzung des Stücks auf dem Foto:
„Der Krake
Der Krake ist in seiner Höhle.
Er vergnügt sich mit einer Krabbe.
Er verfolgt sie.
Er hat sie quer verschluckt.
Verschwinde, er läuft auf seinen acht Füßen,
trinkt einen Schluck salziges Wasser, um sich zu erfrischen.
Dieses Getränk tut ihm sehr gut, es bringt ihn auf andere Ideen.
Erik Satie, 17. März 1914″
Das Buch von Tomas Bächli heißt: „Ich heiße Erik Satie wie alle anderen auch.“ Es ist 2016 im Berliner Verbrecher Verlag erschienen.
