Es gibt sie natürlich auch: die konkreten Gründe zu reisen. In diesem Fall war es eine Ausstellung über frühe Malerei aus Siena. Die Wiege des Tafelbildes lag damals in den reich gewordenen italienischen Stadtstaaten und es ist abenteuerlich zu sehen, wie sich Bilder aus dem Kanon der Ostkirche für neue Bedürfnisse veränderten. Fast jedes der in der National Gallery gezeigten Bilder ist so schön, dass es mir unter die Haut ging. Das ist vermutlich genau das, was sich antike Autoren unter einer Katharsis vorstellten: eine Art Reinigung der Seele. Ich spürte eine solche Ergiffenheit, alles war so schön, so zart, liebevoll und andächtig, dass ich ganz weich wurde innerlich. Ein seltenes Gefühl für mich. Ich laufe ja mittlerweile auch eher gewappnet durch mein Leben, wenn zum Glück auch noch nicht gepanzert.
Neu an den Bildern war etwas, was der große Kunsthistoriker Hans Belting „Sprechrolle“ nennt. Es ist diese große Nähe und Zugewandtheit der Bildfiguren hin zu den Betrachter*innen. Das war neu, dass eine Madonna so nah an den Rahmen rückte, dass wir ihren Atem spüren können. Die „Sprechrolle“ Marias und vor allem auch des Jesuskindes soll zum Gebet anregen, zu einem innigen, persönlichen Gebet. Dieses Bild ist von Ambrogio Lorenzetti, einer dieser frühen italienischen Wundermaler. Um 1290 geboren. Frau und drei Kinder verlor er an die Pest. Also, von einem schönen Leben möchte man hier nicht sprechen. Schönheit und Originalität blieben dennoch seine Leitsterne. Das ist ja, neben dem immensen Können auch eine große Leistung.
Für mich – und hier komme ich noch mal zurück aufs Reisen – war diese Ausstellung auch eine Reise zurück in meine Studienzeit als Kunsthistorikerin. Damals habe ich mir das Buch von Belting: Bild und Kult gekauft, was besonders war, weil ich fast alles, was ich lernte, kopierte. Ich las es nie, weil mein eigentlicher Schwerpunkt auf französischer Malerei aus späteren Zeiten lag. Jetzt endlich habe ich es aufgeschlagen und freue mich. Weil Belting, was ich zwar immer wusste, aber jetzt erst verstehe, ein sensationeller Kunsthistoriker war. Win-Win. kann man da nur sagen. Und einer der ertragreichsten Gründe, zu reisen.
