Reisen – um was noch mal?

„Warum tue ich mir das eigentlich an?“ ist eine Frage, die mich am Vorabend einer Reise mit größter Sicherheit plagt. Koffer packen, alle möglichen Pins und Pugs, Ausweise, Tickets, Buchungen, Visa womöglich, zusammen zu kramen, Medikamente aufzufüllen, und die Anreiseroute zu notieren, schon das kann dazu führen, dass ich nur noch wenig Lust verspüre, mich am nächsten Tag tatsächlich auf den Weg zu machen.

Reisen galten in meiner Familie als Luxus. Das heißt, man musste sie sich verdienen und natürlich war wichtig, bescheiden zu bleiben. Denn an der nächsten Talsperre ist es – zumindest an sonnigen Tagen – sicher genauso schön wie die Strände auf Ibiza. Doch immer, wenn ich andere Länder (oder auch nur andere Regionen) besuche, verändert sich etwas. Denn die Welt ist tatsächlich überall anders, aber, was mich noch mehr verblüfft: ich bin es auch. Neue Ausblicke, Gerüche, Geräusche lassen meine Gewohnheiten korrodieren. Pannen, Missverständnisse, Orientierungslosigkeit werfen mich auf mich selbst zurück, und bringen mich plötzlich in Situationen, die es zu meistern gilt.

Was mir übrigens auch nur auf Reisen klar wird: Wie viele Menschen es gibt. Zu Hause bin ich das Zentrum meines Alltags, die Königin meines kleinen Reichs, unterwegs aber vor allem: Gast oder Eine von vielen. Das rüttelt ordentlich am Selbstverständnis. Und hier liegt vielleicht eine Antwort: Auf Reisen erlebe ich mich neu. Ich verstehe, dass die Welt nicht statisch ist, wie mein Alltag mir vorgaukelt. Dass alles immer wieder anders ist, dass es für nichts Garantien gibt, nicht mal für das selbstgezimmerte Ego.

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Wer die Welt erkennen will, sollte genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingeschaut. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit. Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

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