Für Katholik*innen ist Karfreitag einer der höchsten Feiertage im Kirchenjahr. Früher waren damit vor allem bestimmte Regeln verbunden: Kirchgang, Fasten, Verzicht auf jegliche Vergnügungen, für Kinder viel Langeweile.
Wie kann so ein Tag aussehen, wenn man den Gram, dieses säuerlich verbrämte Darben einmal weglässt? Und den Karfreitag als einen langen freien Tag sieht, an dem die Zeit stillsteht, um sich zu erinnern, um die Gedanken zu ordnen und vor allem, um einfach gar nichts zu tun?
Kann ich die Option, es mir gut gehen zu lassen, die oft mit freien Tagen verbunden ist, einmal weg lassen? Kann ich Ruhe finden, Zeit, mein Leben, wie es gerade ist, anzuschauen? Oder einfach nur dazusitzen, den Vögeln zuhören.
Gerade ist es hier in Kreuzberg so still, wie zuletzt in der Corona-Zeit. Daran habe ich schon lange nicht mehr gedacht. Neulich fiel mir sogar auf, dass ich so vieles vergessen habe: Wie ich mich fühlte, was ich tat, worüber ich mit meinem Vater am Telefon gesprochen habe, ob ich Angst hatte. Alles ist mir im Laufe des wieder angesprungenen Alltags weitgehend verloren gegangen.
Der eigenen Einsamkeit nachspüren. Vielleicht ist auch das eine Möglichkeit für diesen besonderen Tag. Zu verstehen, dass das ein Teil des Menschseins ist. Und nicht selbstverschuldetes Elend. „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ schreit selbst der Gottessohn in der neunten Stunde des Karfreitags. Das kann auch Trost sein. Dass wir dieses Gefühl der Einsamkeit auf dieser Erde teilen, alle miteinander.
Ich weiß nicht, wie das heute noch wird. Ich will versuchen, nichts zu leisten, nichts abzuarbeiten, zu erledigen, zu tun, niemanden sehen oder sprechen. Ganz so, als wäre ich allein auf der Welt. Mal sehen, wie das wird. Euch allen ein schönes Osterwochenende!
