Morphium

In der Palliativmedizin spielt dieses Opiat eine spezifische Rolle. Als stark wirkendes Schmerzmittel wird es eingesetzt, um Sterbenden ihre letzten Tage oder Stunden zu erleichtern. Linderung der Leiden, nicht Heilung ist die Aufgabe von Palliativmediziner*innen, das ist vermutlich auch der Grund, weshalb alle anderen Ärzt*innen ausgeschlossen werden, sobald ein Palliativteam übernimmt.

Ihre spezifischen Aufgaben liegen darin, Symptome, allen voran Schmerzen, Luftnot, Angst, Übelkeit und offene Wunden zu betreuen. Es geht nicht darum, das Leben zu verkürzen, aber alle lebensverlängernden Therapieversuche sollen verhindert werden. Palliativmediziner*innen sind dabei v.a. bei schweren chronischen Krankheiten eine Option, ein Mensch, der „natürlich“, d.h. aus Altersgründen, stirbt, bekommt in der Regel keine gesonderte Therapie.

In der Praxis scheint es, so zumindest meine Erfahrung mit sterbenden Eltern (und damit meine ich nicht nur die eigenen), eine gewisse Schieflage zu geben. Ich möchte hier ausdrücklich sehr vorsichtig formulieren, weil ich selbst keinerlei medizinische Ausbildung habe. Aber es scheint gelegentlich so zu sein, dass – vermutlich aus Zeitgründen – sehr schnell zu Schmerzmitteln gegriffen wird, ohne den oder die Sterbenden kennengelernt zu haben. Und es geht dabei nicht um Schmerzmittel im gängigen Sinn, sondern um Opiate, die zwar extrem leistungsstark sind, aber auch ebenso starke Nebenwirkungen haben können. Dazu zählen extreme Kopfschmerzen, Übelkeit und Atemnot, Verstopfung und „Denkstörungen“, Bewusstseinsstörungen wie Halluzinationen, Angst, Schüttelfrost.

Der springende Punkt: Wenn Sterbende sich nicht mehr artikulieren können, ist über ihr Schmerzempfinden nicht viel zu erfahren. Vor und nach der Gabe von Morphinen. Meiner Vorstellung nach bedarf es hier einer sehr genauen Beobachtung. Und hier kommen auch Angehörige ins Spiel, sofern sie mit der täglichen Pflege betraut oder vertraut sind.

Wenn also ein Palliativteam im ersten Aufschlag Morphine verschreibt, wenn damit jede bisherige Therapie durch den behandelnden Hausarzt und den Wundtherapeuten quasi in Frage gestellt wird, wenn es gar keine Anzeichen von Schmerz (und das natürlich unter Vorbehalt) gibt, dann steht plötzlich ein riesiges Fragezeichen im Raum. Zumal, wenn der Vorwurf der (mehr oder weniger großen) Unterversorgung fällt.

Ein Nachbar von mir ist von einem Palliativteam fast verklagt worden, weil er die Gabe von Morphium an seine sterbende Mutter untersagt hat. Eine Freundin erzählte von den Qualen ihrer Mutter, die von den Drogen Halluzinationen bekam. Eine andere Freundin sieht sich – und zwar während des Sterbeprozesses ihrer Mutter – mit dem Verdacht der Unterversorgung konfrontiert.

Was tun? Ich verstehe zu gut, dass es bei palliativen Maßnahmen um die Erleichterung des Sterbeprozesses geht. Was ich aber nicht verstehe, ist die (in diesen Einzelfällen beobachtete) sehr schnelle Verschreibung schwerster Drogen. Es ist natürlich völlig egal, Sterbende „süchtig“ zu machen. So weit kommen sie erst gar nicht. Es geht mir auch nicht um „böse“ Drogen. Sondern um die Vorstellung, das Sterben selbst zu narkotisieren.

Wir alle haben Angst vor dem Tod. Aber Sterbende auf „schmerzfrei“ zu stellen, reicht nicht, ihnen einen würdigen Tod zu gewährleisten. Ich denke, hier sind wir alle gefragt, genauer hinzuschauen. Und uns selbst um das Sterben unserer Nächsten verantwortungsvoll zu kümmern.

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Avatar von Unbekannt

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Wer die Welt erkennen will, sollte genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingeschaut. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit. Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 3

  1. Avatar von Grinsekatz

    Grinsekatz 31. März 2025

    Mein Vater wäre einem Tag nach seinem Tod in ein Palliativprogramm gekommen, wo er eigentlich schon früher hingehört hätte. So musste er qualvoll sterben. Sie haben in den letzten Tagen alle Medikation abgesetzt, um ihm das Gehen zu erleichtern, leider auch das Tilidin. Diskutieren Sie das mal mit einem Hausarzt, der nur einmal die Woche in die Einrichtung kommt. Die Patientenverfügung ist nur so gut, wie sie umgesetzt werden kann.

    Leider sind die Einrichtungen derzeit sehr nervös, was die Gabe potenter Schmerzmittel angeht. Grund sind die neuen Skandale mit übermäßiger Ruhigstellung mit Todesfolge. Die mitunter unangemessene medikamentöse Versorgung (zuviel oder zu wenig) führt auch zu Suiziden, so geschehen neulich in der Einrichtung, in der meine Mutter lebt. Niemand publiziert das, keine Presse, kein Polizeibericht.

    Morphium würde ich nicht als schwere Droge bezeichnen, angesichts dessen, was an hochpotenten synthetischen Opiaten derzeit auf dem Markt ist. Ab einem bestimmten Stadium ist auch das Suchtpotential zweitrangig, meiner Meinung nach.

    Ein schwieriges Thema, ja.

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    • Avatar von Stephanie Jaeckel

      Stephanie Jaeckel 31. März 2025

      Ja, es ist ein schwieriges Thema, jeder Mensch stirbt anders. Mir geht es um das genaue Hinschauen. Wenn ich sehe, dass jemand Schmerzen hat, ist nichts wichtiger, als dagegen ein Mittel zu finden. Wenn ich aber sehe, dass überhaupt keine Schmerzen vorliegen, oder mir zumindest unter Absprache mit Haus- und Wundarzt ziemlich sicher bin, muss ich keine Mittel verabreichen, die starke Nebenwirkungen haben. Es gibt eben Patienten, die stark auf Opiate reagieren, die Mutter meiner Freundin war vorher schon einmal nach der Gabe von Morphinen in der Psychiatrie gelandet, weil sie völlig ausgerastet ist. An so einer Stelle gilt es doch, vorsichtig zu sein. Schmerzen muss heute fast niemand mehr haben. Da stimme ich absolut zu. Aber Opiate quasi „im Voraus“ zu geben, halte ich für verantwortungslos. Sie haben auch in kleiner Dosierung Nebenwirkungen, die absolut scheußlich werden können.

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  2. Avatar von menuchaprojekt

    menuchaprojekt 6. April 2025

    Sehr schön differenziert beschrieben. In mir kam der Sterbeprozess meiner Tante vor einem Jahr wieder hoch. Sie lag vier Tage im Sterben von denen ich an drei Tagen tagsüber bei ihr, auch mit Unterstützung, an ihrem Bett saß, betete, ihr vorlas und Lieder sang. Ja und ich habe dem Arzt, ihrem Wunsch entsprechend alle lebensverlängernden Maßnahmen untersagt und gewünscht ihr Morphium zu geben, da sie vor Schmerzen stark jammerte. Und trotzdem kann ich deinen Gedanken nur zustimmmen.

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