Seinen Namen kannte ich nicht, dafür fast alle seiner Fotos: Steve Schapiro, 1934 in New York geborener Fotograf, der zu der mittlerweile fast ausgestorbenen Spezies der Reportage-Fotograf*innen zählt, jenen Haudegen, die immer mittendrin waren und von dort ihre Bilder in die guten Stuben der Leserinnen und Leser brachten. „Rasende Reporter*innen“, mit mehreren Kameras um den Hals und schnellen Beinen, die entwickelte Filme sofort zur Post brachten, damit sie so schnell wie möglich die Redaktionen der jeweiligen Magazine erreichten.
Nachgeborene mögen sich wundern, wie diese Leute alles noch im Kopf hatten: Flugverbindungen, Buslinien, Hoteladressen, die kürzesten Wege durch alle möglichen Städte, wichtige Termine und Hintereingänge in besonders geschützte Gebäude. Namen wichtiger Politiker, Schauspieler*innen, Musiker*innen, Kontakte zu Filmstudios, Kolleg*innen, nicht zuletzt die Öffnungszeiten der örtlichen Poststationen. „Er war ein früher Vogel“, erinnert sich seine Witwe Maura Schmith, „und er war immer fröhlich. Er liebte seine Arbeit.“
Das sieht man sofort. Egal, ob Schapiro Stars fotografierte, leise durch Filmsets schlich, um während des Drehs aussagekräftige Fotos zu schießen (leise, leise…) oder arbeitende Menschen abzulichten, einfache Passanten mit ihrer ganzen individuellen Würde. Er war ein Meister des Moments, jenes magischen Augenblicks, in dem eine Person sich zeigt, sei es durch einen Blick, eine Geste, eine Bewegung. Das brauchte – auch wenn es paradox klingt – viel Zeit. Zeit, die heutige Fotograf*innen oft nicht haben, weil es nur noch minutenlange Fotoshootings gibt, während Schapiro schon mal sechs bis acht Stunden mit einem Star ganz alleine sein konnte. Mit David Bowie zum Beispiel, dessen Figur des „thin white duke“ Schapiro entscheidend mitprägte.
Menschen waren seine Leidenschaft. Aber privat fotografierte er so gut wie gar nicht. Es gibt nicht ein einziges Foto, das er von Maura gemacht hat, nur ein Sohn kam in den Genuss, vom Vater fotografiert zu werden, aber nur, weil er einen so hübschen Flirt mit einer Freundin hatte, dass Schapiro gleich eine Fotoserie daraus machte. Und sonst? Hat er je etwas anderes fotografiert als Menschen, Menschen, Menschen?
Ja. Ganz am Schluss, in Chicago. Wo er es liebte, aus dem Fenster seiner Wohnung heraus den Michigan-See zu fotografieren. Das Licht, die Spiegelungen, den Himmel, natürlich auch die Jogger und Hunde, die Leute in und auf dem Wasser. Aber ob wir die je zu sehen bekommen? Vielleicht. Denn Maura verwaltet mit einem der Söhne den Nachlass Schapiros. Gut 800.000 Negative. „Er fotografierte immer zu viel“, stöhnt sie lachend, „allein von den Seefotos gibt es mindestens 800.“
Unbedingt sehenswert ist die Auswahl seiner Foto-Highlights, die zur Zeit in Berlin gezeigt werden: Noch bis zum 29. März in der Galerie CAMERA WORK, Kantstr. 149.
Mein herzlicher Dank für die Bereitstellung des sensationellen Bowie-Fotos geht ebenfalls an die Galerie CAMERA WORK

finbarsgift 18. Februar 2025
Das Keaton-Bowie-Foto ist wirklich bemerkenswert 🌟
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Stephanie Jaeckel 18. Februar 2025
Bowie wusste, dass Schapiro auch Buster Keaton fotografiert hatte. Das Buch war somit etwas, mit dem er dem Fotografen seine Reverenz erwies. Waren halt beide schlaue Kerlchen…
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rolfnoe 18. Februar 2025
Danke für den Bericht. Auf den ersten Blick fragte ich mich, ob Bowie Platon gelesen hat, auf den zweiten, warum auf einem Buch von Platon so ein komisches Gesicht drauf ist und dann…. (Wieder mal ein Beispiel dafür, dass man sich gute Bilder länger anschauen muss)
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Stephanie Jaeckel 18. Februar 2025
Ich würde meinen Kopf darauf verwetten, dass Bowie auch Platon gelesen hat. Er war ein begeisterter Leser. Aber ja, das hier war Keaton und Bowie suchte nach einer neuen Figur, die er als Sänger auf die Bühne bringen wollte. Eine gute Wahl, wie ich finde.
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