Ich habe schon ziemlich lange einen Verdacht. Den nämlich, dass ich nicht gerne denke.
Hm, so grundsätzlich gilt es vielleicht nicht, aber analytisches Denken schreckt mich ab. Nicht, dass man ohne analytisches Denken nicht durch die Welt käme. Aber mir ist das rätselhaft. Liegt es daran, dass ich zu faul bin? Oder zu dumm? Liegt mir das nicht? Habe ich das überhaupt gelernt (wenn man das lernen kann)? Was ist mit mir los?
Wenn ich eine Frage gestellt bekomme, geht in meinem Kopf das Licht aus. Das gilt sogar für banale Fragen nach dem Weg. Kaum ist das Fragezeichen gesetzt, wird mir schwindelig. Das nennt man in bestimmten Situationen vermutlich Prüfungsangst. Ich habe das dauernd. Und wenn ich in Situationen gehe, bei denen Fragen auf mich zu kommen, versuche ich, vorab Antworten zu formulieren.
Kein Wunder also, dass ich journalistisch arbeite: Fragen stellen kann ich nämlich.
Was ist da los?
Vertraue ich meinem Kopf nicht? Vertraue ich nicht der folgerichtigen Logik? Liebe ich das Chaos zu sehr, um „ordentlich“ zu denken? Ich habe gemerkt: Es geht beim analytischen Denken häufig um Fragen, die mich nicht interessieren. Oder um Lösungen von Dingen, von denen ich denke (!), dass sie „tagesformabhängig“ oder sowieso nicht mit einer Antwort zu erledigen sind. Aber damit mache ich es mir zu leicht. Viele analytische Denkaufgaben wollen Vergleiche, da kommt Mathematik ins Spiel oder räumliches Denken. Da wird Welterfahrung abgefragt, die ich oft einfach nicht habe. Oder Wissen, das an mir vorbeigezogen ist.
Überhaupt sitze ich nicht gerne am Tisch oder gehe um den Teich mit einer Frage im Kopf, die ich alleine lösen soll. Ich frage sofort herum. Bitte um Einschätzungen, andere Blickwinkel, Perspektiven. Ohne Anregung von außen ist mir Denken – wie ich die letzten Tage mit Schrecken feststellen musste – ein Gräuel (Greuel…).
Wie geht es Euch? Gibt es Einstiegsübungen, um mit dem Denken dann doch noch anzufangen? Oder haltet Ihr Intellekt grundsätzlich für überschätzt? Oder? Oder oder?

frauhemingistunterwegs 9. Februar 2025
Das ist sehr interessant, weil ich bei den meisten Fragen genau den gegenteiligen Reflex habe: auf keinen Fall will ich fragen, sondern es lieber selbst herausbekommen. Es sei denn, es geht um Mathematik. Da frage ich aber auch nicht, das ignoriere ich soweit möglich. Ich vermute, dass es sich bei mir um einen typisch westfälischen Sozialdefekt handelt. Genau weiß ich es aber nicht, da müsste man jemanden fragen….😶
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Stephanie Jaeckel 9. Februar 2025
Das ist sicher kein Defekt, sondern eine Strategie, mit der Du gut gefahren bist. Jetzt wäre es natürlich eine schöne Frage (von mir an Dich) für eine gemütliche Kaffeetafel, wie Du dann vorgehst, wie Du Dein Denken dann so anleierst 😉
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frauhemingistunterwegs 9. Februar 2025
Tut mir leid, kannst du die Frage nochmal anders stellen? Ich weiß jetzt nicht genau, was du meinst. Meine Denkerei muss ich nämlich nie „anleiern“, mein Kopf macht da immer einfach so, was er will.
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Stephanie Jaeckel 9. Februar 2025
Ich weiß nicht genau, wie die richtige Frage heißt. Also wenn ich neugierig bin, „recherchiere“ ich. Das kann ich natürlich. Ich lese hier und da und schaue mir Bilder an und mache mir einen Reim auf etwas. Aber etwas abstraktere Fragen, die ja auch manchmal vorbei kommen, oder auch politische Positionen, da bin ich ganz schnell verunsichert. Wie kann ich etwas logisch, oder strategisch oder einfach schrittweise zu einem plausiblen Ende denken? Ja, vielleicht ist es das: Etwas folgerichtig zu einem Ergebnis denken. Damit tue ich mich schwer. Und da frage ich mich, ob es eine (oder mehrere) Gebrauchsanweisung(en) gibt.
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frauhemingistunterwegs 9. Februar 2025
Ah, verstehe. Ich bin nur beim Kochen für viele Gäste strategisch, beim Durchdenken von Fragen eher assoziativ. Kann es eventuell sein, dass du dich da schon im Vorfeld zu sehr unter Erfolgsdruck setzt?
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Stephanie Jaeckel 9. Februar 2025
Freitags sitze ich oft mit meinen Bürokolleg*innen noch am Konferenztisch und wir unterhalten uns über dies und das. Es fasziniert mich immer, dass einige Fragen stellen, über die sie nachdenken. Auf die Idee käme ich vermutlich gar nicht. Ich bin sehr mit dem jeweilgen Tagesgeschäft und meiner Arbeit befasst, dass ich mir so Fragen stellen würde, um sie dann selbständig zu beantworten, das kannte ich so nicht. Natürlich gilt hier wie immer: Andere Menschen sind andere Menschen. Und ich muss nicht können, was meine Freund*innen oder Kolleg*innen können. Aber ich würde es gerne probieren. wie immer: ich bleibe dran. Mal sehen…
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frauhemingistunterwegs 10. Februar 2025
Nach einer Nacht drüber schlafen würde ich sagen, dass du mit der Fragetaktik sehr analytisch vorgehen kannst, wenn du diese an dich selbst stellt: Was ist es (Beschreibung/Definition), welche Ursachen haben es bewirkt, welche Folgen kann es haben, wie bewerte ich die Folgen für mich und andere, welche Konsequenzen ziehe ich daraus.
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Stephanie Jaeckel 10. Februar 2025
Ja, mit den Alltagsdingen klappt das ganz gut. Aber so große Fragen, wie ich bei Lutz schon geschrieben habe, also dieses eher philosophische, das kann ich gar nicht. Manchmal würde ich mir eben gerne überlegen, was so im Großen Ganzen sein könnte. An der Stelle weiß ich nicht, die ersten Schritte tun. Aber jetzt schaue ich mal, schon dieser Post hat mich auf Ideen gebracht…
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LP 9. Februar 2025
Mir geht es eher so, dass ich zu viel denke, bedenke, Gedanken drehe und wende, wälze. Bis alles rotiert.
Das ist nicht immer zielführend und nicht immer sinnvoll. Aber es lässt sich leider nicht vermeiden.
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Stephanie Jaeckel 9. Februar 2025
Ich habe mich vermutlich doch etwas missverständlich geäußert. Es geht nicht um Gedanken an sich, sondern um analytisches Denken. Vielleicht könnte man sogar in dem Zusammenhang, den ich meine, sogar von Philosophieren sprechen.
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Grinsekatz 10. Februar 2025
Vorbeigezogenens Wissen – wie schön formuliert ❤️
Das so genannte analytische Denken ist ein hilfreiches Werkzeug im Alltag, ich verdiene seit Jahrzehnten meinen Lebensunterhalt damit. Das lässt sich trainieren, Interesse vorausgesetzt. Oder konkrete Aufgaben aus dem Alltag, angefangen z.B. bei der Haushaltsführung.
Für mich durfte ich irgendwann realisieren, dass mein Verstand nicht Chef ist, Mit Intellekt lassen sich die wirklich wichtigen Lebensentscheidungen nicht lösen. Beraten darf der Kopf jederzeit, das geht klar. Aber Chef ist er nicht.
Meine größten Herausforderungen entstanden immer dann, wenn ich dachte, wo ich fühlen sollte. Und umgekehrt 😉
Gruß Reiner
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Stephanie Jaeckel 10. Februar 2025
Jetzt erklärst Du mir noch schnell (haha), wie Du das machst, und dann bin ich raus 😉
Gibt es ein Trainingsbuch oder sowas? Und ja, Chef ist der Intellekt bei mir auch nicht. Aber wer hätte das erwartet…
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Grinsekatz 10. Februar 2025
Ja, gute Frage, wie ich dazu kam und immer wieder komme. Zunächst durch das entstandene Leid, z.B. das scheitern meiner ersten Ehe. Meine Suchterkrankung. Mein damit einhergehendes aufgeblähtes Ego. Als ich dies zurücknehmen konnte, verbunden mit der Einsicht, dass ich nicht der Lenker der Geschicke, nicht einmal des eigenen bin. Auch heute bitte ich um Führung, wenn ich nicht weiter weiß, und das kommt häufiger vor, als mir lieb ist. Die Antworten kommen, wenn auch gerne zeitversetzt. Mal in einer Aktion, Reaktion im Außen, mal ein gutes oder auch weniger gutes Gefühl im Bauch, mal durch Krankheiten.
Du musst dazu kein ausgesprochen gläubiger Mensch sein. Es reicht, wenn du dir vorstellen kannst, dass es da draußen irgendwo eine Macht gibt, die größer ist als du selbst.
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