Meine Bilder sind alle Selbstporträts

„Nanu!?“, denke ich, als Julian Simon diesen Satz sagt, ich sehe hier doch fast nur anderes, Landschaften zum Beispiel oder Stillleben. Aber bevor ich den Mund aufmache, um auch nur irgendwas zu sagen, fällt mir der Bildtitel zu einer früheren Arbeit (2021) von Simon ein, die lautet: „It’s not what it looks like“…

Ach ja. Gemalte Bilder sind keine Fotografien, sind keine Abbilder sind uns in keinster Weise verpflichtet. Bilder sind Gedanken, sind Felder, gerade figürliche Malerei bewegt sich durch mehr Abstraktionen, Welten, Verwirrungen, als auf den ersten Blick sichtbar.

Julian Simon ist 31 Jahre alt und damit für mich noch sehr jung. Er hat gerade eine schwierige Zeit hinter sich, ich denke, „er sieht blass aus“, und lasse ihn erst mal davon erzählen, dass die aktuelle Ausstellung seiner Bilder in der Neuköllner „Weserhalle“ sehr kurzfristig angesetzt und damit eine echte Herausforderung für ihn war: Anderthalb Monate Vorlauf, ein fertiges Bild. Und los!

Bilder sind für Simon eine Art Tagebuch. Er malt sein Leben, das was ihn bewegt, das was er sieht, aber vor allem auch das, was er fühlt. Gar nicht so einfach, da den Blick scharf zu stellen, wenn es rumpelt, es Enttäuschungen über andere oder sich selbst hagelt. Ein halbes Jahr malt Simon nichts, da ist die Ausstellung ein echtes Himmelfahrtskommando.

Aber Simon ist Profi. Er hat Illustration studiert, später freie Kunst. Aus dem ersten Studium ist ihm vor allem das Handwerk eine wesentliche Hilfe. Wenn er eine Idee hat, kann er schnell malen. Was in der Ausstellung zum Beispiel verblüfft: wie die Arbeiten farblich ganz nah beieinander bleiben. So dass es nicht nur innerhalb eines Bildes, sondern durch den ganzen Raum eine Freude ist, die Farbnuancen, die er findet, zu sehen und zu genießen.

Die freie Kunst hat ihm dazu den Zugang zur Kunstgeschichte, und damit zu jenem riesigen Bilderfundus eröffnet, der sich über die letzten Jahrhunderte, gar Jahrtausende angesammelt hat. Von hier aus verbindet er eigene Gefühle, Gedanken mit denen seiner Vorgänger*innen, und lädt dadurch seine Bilder regelrecht auf. Man könnte also von „Selbstporträts mit einer gehörigen Portion Reflexion“ sprechen.

Und von Bildern, die einmal mehr ihre Grenzen austesten: im Vergleich zur Fotografie, zu bewegten Bildern, zu abstrakten Bildern. Hier zeigt sich, dass Julian Simon weit weg vom eigenen Leben, von Selbstreflexion und einer gewissen Art der Selbstinszenierung DAS große Thema der Malerei weiterführt: Was ist ein gemaltes Bild? Absolut sehenswert!

Fotografie: dotgain info, 2025.

Die Ausstellung „Sunny Waters“ von Julian Simon ist noch bis zum 1. März in der Weserhalle, Berlin zu sehen.

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Wer die Welt erkennen will, sollte genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingeschaut. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit. Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

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