Gewalt in der Familie

Wir wissen, dass Familien hermetische Systeme sind, in denen unausgesprochene Gesetze gelten. Wir wissen auch, dass man von außen wenig sieht, oder eben nur das, was sich an der Oberfläche abspielt.

Häusliche Gewalt ist ein Thema unabhängig von Klassen oder Schichten. Misshandelte Ehepartner, vor allem misshandelte Kinder bleiben unter dem Radar. Das ist keine Anklage. Es kann fast gar nicht anders sein. Denn alles sind am Ende des Tages mit ihren eigenen Sorgen beschäftigt. Wie auch nur erkennen, dass irgendwo der Haussegen schief hängt? Und wenn: Wie eingreifen? Denn auch wenn wir die Wahrheit (oder zumindest eine) glasklar vor Augen haben: Was ist unser Recht – oder eben auch die Pflicht – uns einzumischen?

Eine Sache ist klar: misshandelte Kinder können sich oft nicht artikulieren. Weil sie nicht begreifen, dass sie misshandelt werden. Sie denken, die Misshandlung sei eine familiäre Normalität. Über die sie (s. unausgesprochene Gesetze) nicht zu reden haben. Außerdem sind sie meist davon überzeugt, dass sie selbst wirklich und wahrhaftig das Problem sind. Dass sie jegliche Art von Strafe, Zurücksetzung, Demütigung verdient haben.

Eins aber können wir immer: Liebe geben, wo wir gehen und stehen. Denn es kann tatsächlich einen Unterschied machen, wenn misshandelte Familienangehörige von wem auch immer anders, nämlich liebevoll, behandelt werden. Es kann ihnen eine Idee geben, dass es auch anders geht. Mut, vielleicht etwas zu ändern (wenn alt genug) oder zumindest Hoffnung zu schöpfen.

Das bedeutet nicht, dass wir nicht in der Pflicht sind, bei Missbrauch oder Gewalt einzuschreiten. Wir müssen aber sehr vorsichtig vorgehen, unsere Vermutung zunächst mit anderen Familienangehörigen oder Freund*innen abgleichen, bevor wir das Thema vor den Betroffenen ansprechen.

Und dann verstehen: vor allem die Kinder werden niemals sagen, dass ihnen Unrecht geschieht. Sie können es nicht artikulieren. Denn die Einsicht kommt erst Jahrzehnte später.

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Avatar von Unbekannt

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Wer die Welt erkennen will, sollte genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingeschaut. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit. Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 2

  1. Avatar von Ulli

    Ulli 1. Februar 2025

    So ganz kann ich dir nicht zustimmen, es kommt doch auch auf das Alter des Kindes an, was misshandelt wird. Und selbst kleine Kinder spüren, dass hier etwas nicht stimmt und verschanzen sich, um es nicht spüren zu müssen. Denn eins stimmt, Kinder fühlen sich immer schuldig und lieben bis zu einem gewissen Alter ihre Eltern, selbst, wenn sie misshandelt werden.

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    • Avatar von Stephanie Jaeckel

      Stephanie Jaeckel 1. Februar 2025

      Es ist klar: Jeder Fall ist anders. Verallgemeinerungen sind selten hilfreich. Ich möchte nur darauf hinweisen, dass misshandelte Kinder häufig gar kein Bewusstsein für die Gewalt haben, die ihnen angetan wird. Weil sie wirklich glauben, dass sie das Problem sind. Ausserdem werden ja häufig auch andere Familienmitglieder geschlagen oder verbal attackiert. Und ob in anderen Familien die Dinge anders laufen, können viele dieser Kinder nicht zu denken. Sie können ja auch niemanden fragen, weil damit gleich klar ist, dass sie verprügelt oder auf andere Weise misshandelt werden. Da ist so ein extrem Blinder Fleck. Darum geht es mir.

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