Wenn ich sehr erschöpft bin, weit und breit aber kein Urlaub in Sicht ist, ziehe ich die Bremse. Das ist gar nicht so einfach, weil mein Kopf denkt: „Wenn ich nur schnell genug hier durch bin, ist alles schon wieder vorbei.“ Aber rasen funktioniert nicht. Funktioniert nie. Ich muss stehen bleiben. Und dann am Besten in die Knie gehen, um mir alles mal von unten anzuschauen. Quasi die Basis betrachten, und von da aus nach den Bruchstellen schauen. Das kann blöderweise alles sein, deshalb gilt es, eine Weile in der Hocke zu bleiben.
Am Sonntag war ich seit langem mal wieder auf dem Tempelhofer Feld und habe dort eine Runde gedreht. Es war warm und windig wie am Meer und ich war ganz verblüfft, dass wirklich Sommer ist. Seit Wochen habe ich die Sonne nur durchs Fenster gesehen, und wenn ich von hier nach da gefahren oder gelaufen bin, war es meist zu kurz, und ich zu sehr in Gedanken, um überhaupt etwas mitzubekommen. Gestern habe ich meinen Halbjahrsgeburtstag gefeiert (nur so für mich, abends am offenen Fenster) und mir fest vorgenommen, nächstes Jahr eine Party zu machen (statt immer nur zu jammern, dass es im Januar zu kalt für Gartenpartys ist). Und heute habe ich Handwerker bestellt, seit mein Vater gestorben ist, bin ich Hausbesitzerin, eine ungewohnte und bislang eher belastende Rolle, in die ich noch reinwachsen muss.
Von da aus geht es weiter: Zettel mit Erinnerungen drauf, Telefonnummern, Adressen, To-Do-Listen. Hier liegen Aufgaben, über die ich hinwegsehe, wenn ich mich nur auf meinen Beruf konzentriere. Aber hier liegt mein Leben. Und hier komme ich endlich auf den Boden der Tatsachen. Ich bin 60 und wenn ich immer nur weiter arbeite, wird es in ein paar Jahren ein sehr böses Erwachen geben.
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