Ja, doch: Bilder sehe ich mir jeden Tag an. Wer kunsthistorisch arbeitet, kann fast gar nicht anders. Doch mit den eigenen Bildern hapert es. Ich sehe wenig, wenn ich die Augen schließe. Farben, Muster, die schon, doch Fantasiereisen oder Visualisierungen gelingen mir eher schlecht. Die meisten Träume der Nacht vergesse ich noch beim Aufschlagen der Augen. Selbst Erinnerungen sind eher unscharf.
Heute Nachmittag habe ich eine Shiatsu-Massage erhalten. Ein fast zwei Jahre überfälliger Geburtstagsgutschein, ein großes Glück, dass ich ihn überhaupt noch einlösen konnte. Und dann das: Ich mache die Augen zu, die Behandlung – eine sehr zurückgenommene – Massage beginnt. Und sofort sehe ich wie im Großpanorama Bilder. Zunächst mich selbst. Gerade gestorben liege ich da, schwebe über mir, ganz so, wie es aus Nahtoderzählungen berichtet wird. Mir geht es gut. Ich bin gerührt, meinen toten Körper zu sehen. Es gibt keinen Schrecken, keine Angst, eher ein umfassendes Wohlbefinden.
In einer nächsten Sequenz liege ich mit dem Rücken im Wasser, über mir ein blauer Himmel, mein Körper in einem frischen, aber längst nicht zu kühlen See. Ich spüre dieses umfassende Glücksgefühl, das mich packt, wenn ich im Sommer schwimmen gehe, die Konturen meines Körpers gegen das schwere Wasser, die Stille, ein – wenn vielleicht auch nur eingebildetes – Einssein mit der Natur. Etwas, was weit über das Genießen herausgeht. Eher pure Lebensfreude.
Und dann bin ich auf einer Waldlichtung. Im Wind winken die Blätter, die Sonne scheint, es ist kein dunkler, unheimlicher Wald, eher ein Ort für üppige Picknicke fröhlicher Wanderer. Ich bin alleine dort. Und auch hier ist es still. Ich liege mit halb geschlossenen Augen im Gras, und ganz am Rand, in den äußersten Augenwinkeln sehe ich leichte Bewegungen. Waldtiere sind unterwegs, und ich erwarte, im nächsten Augenblick eins zu sehen. Meine Schwester oder meinen Bruder: nämlich das Tier, von dem indigene Völker annehmen, dass es der jeweilige Zwilling des Menschen in der Wildnis ist. Doch dann ist die Waldlichtung plötzlich weg, abrupt wie ein Filmriss.
Danach sind keine Bilder mehr in meinem Kopf. Die Behandlung läuft noch eine Weile, ich konzentriere mich aufs Atmen, später auf die Stille um mich herum. Schade, denke ich auf dem Weg nach Hause. Welches Tier mag es gewesen sein? Und kann ich noch einmal zu der Lichtung gelangen, indem ich noch eine zweite Shiatsu-Massage buche?
Wahrscheinlich nicht. Die Tür, die sich so unerwartet geöffnet hat, ist wieder zu. Dennoch bin ich nicht traurig oder enttäuscht. Ich fühle mich zutiefst erholt und stärker als in den letzten Wochen. Mag es eine Art Tagtraum gewesen sein. Allenthalben ein sehr schöner Ort, der, wie es scheint, in mir selbst liegt. Wie schön.

Verwandlerin 16. Juni 2024
Wow, was für ein tolles Erlebnis…
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