Moon palace

Dieses Buch von Paul Auster war eines der ersten, die ich – wie ich es selber nenne – „freihändig“ gelesen habe. Ich komme aus einer Arbeiterfamilie. Lesen war für mich eher anstrengend, das Studium verlangte mir viel ab. Zumal ich keinerlei Leseerfahrungen hatte. Warum ich Auster auswählte, warum eine Geschichte aus New York? Ich kann mich nicht mehr erinnern. Nur an zwei Dinge: Dass ich es irre fand, dass hier jemand über Verlorenheit und Orientierungslosigkeit schrieb, ohne dass es nach Versagen klang. Und dass es mehr auf der Welt gab als Studium oder feste Arbeitsstelle oder irgendein anderes „geregeltes“ Leben. Und dass Zufälle groß und ebenso traurig sein können.

Ich habe die gesamte New York-Trilogie gelesen und Auster danach aus den Augen verloren. 2013 kaufte ich dann, wie mir rückblickend scheint, ziemlich aus dem Nichts heraus, sein Buch „Winter Journal“, nicht mal als Taschenbuch, auch nicht im Ramsch. Das Thema interessierte mich: Altern.

In dem Buch hat mich eine Szene berührt und über Monate über Wasser gehalten, jene, in der Auster eine Panik-Attacke beschreibt, und zwar genau so, wie ich selbst zu der Zeit zum ersten Mal erlebt hatte. Ärzte hatten für mich keinen Rat. Ich war verwirrt, hatte aber dank Auster keine Angst. Ich ahnte, dass es bei mir etwas Ähnliches war und blieb ruhig. Zum Glück sind die Attacken irgendwann ausgeblieben. Manchmal reicht tatsächlich vielleicht großmütiges Übersehen. Oder es hat sich in meinem inneren Gefüge etwas verschoben, von dem ich nichts weiß.

Dass Paul Auster mit 77 Jahren gestorben ist, fühlt sich skandalös an. Ich habe sein Leben und auch seine immer neuen Bücher nicht verfolgt, aber er war für mich ein Garant des „guten“ Amerika. Und jemand, der mein Leben scheinbar kannte, ohne dass wir uns je begegnet waren. Ich werde vielleicht beide Bücher noch einmal lesen. Und „Baumgartner“, das ich seit dem Erscheinen schon mehrmals in der Hand hatte.

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Wer die Welt erkennen will, sollte genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingeschaut. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit. Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

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